
Es soll ja nie zu spät sein für Musik, vor allem für die gute. Auch wenn das hier oft den Anschein hat, sich vor allem auf den neuesten Gitarrenscheiß oder Synthie-Zeug zu konzentrieren: Das experimentelle, andere liegt mir auch und das schätze ich! Deswegen war ich doch sehr froh, mich bei der Vorbereitung auf
die letzte Sendung auch durch die CDs durchgewühlt zu haben, die
wir nun schon eine Weile im Archiv stehen haben. Denn sonst wäre ich nicht nur mir selbst, sondern vor allem dem Hörer das Album des
Schwabinggrad Ballett schuldig geblieben. Und ja: Ich habe den Namen falsch
gephotoshopped. Aber was sind schon Namen...

Im Fall des Schwabinggrad Balletts steht wohl eindeutig die Musik im Vordergrund, weniger die Musiker selbst. Und daneben der künstleriche Aspekt, das zitieren gesellschaftlicher Normen und Gesellschaftsformen. Vom griechischen Sklavenhandel zum Hamburger Schlachtvieh: Gesellschaftliche Misstände werden aufgegriffen, persifliert und im öffentlichen Raum inszeniert. Die Bühne wird auf die Straße verlagert und Protest wird so formuliert, dass die Grenzen zwischen Zustimmung und Ablehnung nur schwer erkennbar sind. Das Ballett existiert als Kollektiv mit wechselnder Besetzung, als nicht auf wenige Köpfe reduzierbares Projekt, das durch seine Vielschichtigkeit Genres wild mischt und seine Einzigartigkeit ausmacht.

Im ganzen erscheint das Schwabinggrad Ballett mehr als Marschkappelle, das nicht nur durch die Musik, sondern auch und vor allem durch das bunte (und damit einhergehend laute) Erscheinungsbild für Fragezeichen über dem Kopf des Betrachters sorgt.
Wofür steht ein monoton-deprimierendes "Herdentrieb & Hospitalismus". Vom kollektiven Verzweifeln? "Wenn's anfängt durch die Decke zu regnen", das ist schon eher ein Bild, mit dem man etwas anfangen kann. Dann ist's feucht. Dann beginnen die Decken zu schimmeln. Dann wird man krank. und dann muss man entweder in diesen Verhältnissen leben oder man leistet sich den Umzug. Oder man muss ihn sich leisten. Aus dieser "Quadratmühle" kommt man nur schwer heraus.
"65 Sekunden Hauptbahnhof", eine wilde Freejazz-Nummer mit Realitätsbezug. Wer einmal selbst in Hamburg war bzw. dort lebt, der könnte über die folgende Einleitung jenes Stücks vermutlich sein ganz eigenes Liedchen singen: "
Die folgenden 65 Sekunden sind dem Hamburger Hauptbahnhof und der dortigen Verwendung von Musik als Mittel zur Vertreibung unerwünschter Menschen gewidmet."
Und darauf folgt "Trauma Troopers", eine 17-sekündige Reminiszenz an Marschkapellen, die ja auch schnell das Bild von Militärkapellen bzw. folkloristisch-traditionellem Treiben bemühen. Und dann das Polka-lastige "Lied der Baumwollpflücker", das in unserem heutigen gesellschaftlichen Kontext eigentlich nur an Hartz IV und die damit verbundenen Schicksale erinnern kann.

Und zischen dem verqueren, dem schwer zugänglichen finden sich Stücke, die erst wirklich zum Nachdenken anregen: "ICE Bertold Brecht", mit der "
Überführung der Gebeine". Im direkten Zusammenhang der Begriffe "ICE" und "Gebeine" erscheinen sofort Bilder von langen Eisenbahnwaggons und Deportation, deutscher Geschichte und der Verantwortung der deutschen Gesellschaft heutzutage. Auch wenn dies nicht die Aussage des Stücks ist, erinnern muss man sich denoch. Oder "Under Control": "
I'm under control of a mighty force"... Das ist doch Standortbeschreibung pur! Dann das "Lied über den Selbstmord" und das "fortwerfen des unerträglichen Lebens", welche Umstände könnten dazu zwingen. Und dann ist das noch "Moderne Welt", ein Cover der
Freiwilligen Selbstkontrolle, das Dank seiner Hintergründigkeit bei einer Performance des Schwabinggrad Ballett bei einem antirassistischen No-Border-Camps in Hamburg für Unruhe gesorgt hat. Denn unter den "Wursthaaren" versteht man keine Ironie und schon gar keinen Spaß, wenn es um die eigenen Inhalte geht. Dann versteht man nicht einmal die eigenen Sympathisanten. Das ewige Problem der Linken.
Das Schwabinggrad Ballett tanzt auf dem dünnen Seil zwischen Inszenierung und Wirklichkeit, zwischen Satire und Ernst, sowie Dilletantismus und Professionalität. Die Namen hinter dem Ballett sorgen dafür. Und diese Namen nachlesen, das sollte man an anderer Stelle. Denn das offensichtliche auseinanderdividieren, das sollen die anderen.
tracklisting:
01. Under Control
02. Herdentrieb & Hospitalismus
03. Trashcan
04. ICE Bertold Brecht (AB)
05. Tryptichon Mitte
06. Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen
07. Geliebte Viecher In The Night
08. Quadratmühle
09. Lied über den Selbstmord
10. So sehr der Gedanke auch schmerzt....

11. 65 Sekunden Hauptbahnhof
12. Trauma Troopers
13. Moderne Welt
14. Zara
15. Lied der Baumwollpflücker
16. Arme Banausin,Sie will nicht begreifen
17. ICE Bertold Brecht (AN)
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