the arcade fire - funeral [merge records/sanctuary/rough trade]
Texte direkt in die Eingabemaske zu hacken ist deprimierend. Deprimierend, weil der Schwund immens und die kreative Blockade hoch ist. So ging es mir den letzten Monaten des öfteren. In der Regel wurde der Text dann nach wenigen Zeilen gelöscht: Zu belanglos, zu hochtrabend, zu egal. Oder er wurde im Archiv gespeichert zwecks "späterer Weiterbearbeitung" (was im Grunde einer späteren Löschung entspricht, so viel Realitätsgespür habe ich dann doch noch). Und auch dieses Monster von Text begann so. Da stand mal was von Leidenschaft, dann was von wegen 2004, Internet, Blogosphäre, Ihr kennt das Spiel... In diesem Fall ist das mit dem Schreiben aber doch nicht so einfach. Es liegt hier nicht am Gehalt des mittlerweile Verworfenen, sondern eher um den Ansatz. Und wie bitte soll man den Einstieg bei einer Band des Kalibers The Arcade Fire finden? Vielleicht hilft es, "Funeral" noch einmal durchzugehen. Mit Hilfe Aristoteles...PATHOS: (gr. »Paschein«: »(erhabene) Leidenschaft«, »leidenschaftlich«, »übertriebener Gefühlsausdruck«, »Feierlichkeit«)"bezeichnet eine der drei Arten der Überzeugung, nämlich die durch rednerische Gewalt und emotionalen Appell." (wikipedia)Emotionalen Appell auf "Funeral" - dem Debut-Album der Band - zu verorten, ist bei Gott nicht schwer. Wie ein roter Faden zieht sich eine beklemmende Atmosphäre durch die Songs, stets getragen von der betrübten Stimme von Win Butler. Trauer als einziges emotionales Stilmittel anzugeben greift bei weitem zu kurz: Wie wäre es mit Euphorie? Vergeben? Wut?
Und neben dem lyrischen Vortrag spielt auch der dazugehörige musikalische Rahmen eine tragende Rolle: Abwechslungsreiche Instrumentierung, perfekt arrangierte Indie-Songs, welche die einzelnen Songs immer wieder auf einen Höhepunkt zusteuern lassen, um kurz danach wieder damit zu brechen. Gitarre, Bass, Schlagzug, Piano, Akkordeon, Violine, Chrogesang, Steelpan, Rhythmusgeräte: All diese verschmelzen zu einer Melodie. Einer großen Melodie..."Wir stecken immer viel Mühe und Arbeit in die Arrangements. Ich mag es, wenn die Energie sehr greifbar und doch rauh ist. So wie man es im Rock'n'Roll oder Punk findet. Die Energie ist wichtiger als die Musik an sich. Man drückt sich manchmal selbst auf eine sehr spontane Art aus. Und dann gibt es die klassische Herangehensweise: Wenn man eine Melodie im Ohr hat und sie sich zurechtlegt, sie arrangiert und bearbeitet. Jede einzelne Note dient dann einem Zweck, da ist nichts zufälliges mehr. Es muss genau das sein! Und genau dieser Punkt kann eine unglaubliche Befreiung sein. Sehr aufregend..." (Régine Chassagne)Wenn man Régine beim Reden über die eigene Musik beobachtet, dann werden diese beiden Songwriting-Prozesse plötzlich sehr greifbar und wirken ehrlich. Man sieht die Begeisterung in ihren dunklen Augen, ihr Kopf dreht sich währenddessen und ihre Arme malen die verschiedenen Gefühle in die Luft.ETHOS: (gr. »Charakter«, »Geist«, »Moral«.)
"bezeichnet eine der drei Arten der Überzeugung, nämlich die durch die Autorität und Glaubwürdigkeit des Sprechers." (wikipedia)Dieser Punkt füllt sich fast von selbst: der Waschzettel gibt erfreut Auskunft:"In June 2003 Régine's grandmother Nancy died; in August, Win and Régine were married; In September, the Arcade Fire started recording their debut album. In March 2004, Win and will's grandfather Alvino Rey died; Richard Parry's Aunt Betsy passed away in April; In May 2004 the Arcade Fire [...] completed their album."Nun ließe sich darüber streiten, in wie fern all diese Ereignisse im familiären Umfeld das Album beeinflußt haben. Angeblich haben sie die Band dazu bewogen, das Album "Funeral" zu nennen. Eine Beerdigung, nicht groß angekündigt. Schlicht. Aber in ihrem engsten Kreis bedrückend und hoffnungsgebend zugleich. Das Stichwort "Familie" ist in diesem Zusammenhang natürlich ein wichtiges."Win lebte in New York und studierte an der Kunsthochschule. Er mochte es nicht wirklich. Er mag Kunst, aber nicht das Studium. Daneben schrieb er Songs in seinem Appartment. Dann zog einer seiner Freunde nach Montreal und fragte Win, warum er nicht mit komme... Und er dachte dann: »Okay, ich habe noch nie darüber nachgedacht, aber warum nicht Montreal?«.
Wir beide trafen uns dann wenige Zeit später. Ich sang an diesem Abend Jazz, es war eine Ausstellung in einer Galerie. Er kam zu mir und sagte so in etwa: »Ich bin neu hier in der Stadt und suche einen Drummer. Und ich sagte dann: »Ich kenne Drummer, aber die spielen Jazz. Du spielst eher Rock, richtig?« - »Ähhh, ja!« - »Was spielst Du?« - »Ein wenig Klavier, Gitarre...« - »Ahhhh, jaa...«" (Régine Chassagne) Und so traf man sich. Dabei war the Arcade Fire noch weit außer Sicht. Aber der erste Funke war übergesprungen... Wie aber weitermachen? "Ich wusste nicht einmal, was Indie-Rock ist! Ich hatte wohl schon einmal davon gehört, aber wusste nicht was es heißt. Auch als ich mit Win zusammenkam habe ich nie Indie gehört. Ich machte eigentlich nur Musik auf die Art, wie ich es mag. Ich habe zwei Jahre lang Jazz studiert, es dann aber geschmissen weil es nicht mehr ging. Mittlerweile ist unsere Musik schon ein Sound, ein Style. Für mich ist es immer noch Musik, die ich mag." (Régine Chassagne) Régine war aber mehr als eine reine Jazz-Musikerin: Gesang, Klavier, Akkordeon, Manoline, Flöte, Schlagzeug, Mundharmonika, Gitarre. All diese Instrumente hat sie schon von klein auf gelernt. Das nennt man dann wohl Multi-Instrumentalisch begabt. Allerdings: Man war "nur" zu zweit. Sie begannen Songs zu schreiben und aufzunehmen, zusammen mit einem Freund - Richard Parry. Dieser brachte letztendlich auch Tim Kingsbury in die Band, bis im März 2003 Win Butler's kleiner Bruder Will den Lagerkoller bekam und dem Studium in Chicago nach Montreal entflüchtete. Im Sommer 2003 heirateten Win und Régine, die frisch gegründete Band nahm eine selbst-betitelte EP auf und suchte immer noch einen Drummer. Den man in Howard Bilerman - ihr Tontechniker in den Hotel 2 Tango Studios - letztendlich fand. Und dann ging es los... LOGOS: (gr. Λόγος, »Wort«, »Sprache«)
"bezeichnet eine der drei Arten der Überzeugung, nämlich die durch Folgerichtigkeit und Beweisführung." (wikipedia)
Prinzipiell sind die nächsten Zeilen Spekulation. Vielleicht aber auch nicht. Betrachtet man sich Video-Mitschnitte der Band (von denen mittlerweile hunderte das Netz zieren), so bekommt man den Eindruck, bei The Arcade Fire handele es sich tatsächlich um ein gewachsenes Band-Gefüge, das viel Schmerz und Hoffnung in sich trägt. "Funeral" hingegen ist ein Album, dem die Hoffnung erst nach zwei bis drei Hördurchgängen entwächst. Das einen fordert, bis man es endgültig liebt. Untermauert werden diese Thesen nicht nur durch die tausenden Blog-Einträge weltweit, das riesige Medienecho, durch Auftritte der Band zusammen mit David Byrne oder aber Lobesreden von David Bowie. Nein, all das könnte man vernachlässigen. Es ist die gesunde Bodenständigkeit. Das Leben für die Musik und das Konzert. Für den Zuschauer/-Hörer. Es geht darum, etwas zurück zu geben. Etwas zu verschenken."Aber wenn ich es Dir schenke und Du wirfst es weg: Erzähls' mir nicht!" (Régine Chassagne)"Funeral" von The Arcade Fire erscheint am 14. März auf Rough Trade/Sanctuary Records. Am 13. März spielt die Band einen Showcase im Berliner Magnet club, am 16. März sind sie zu Gast bei Sarah Kuttner. Weitere Live-Termine für Deutschland sind bereits in Planung.
tracklisting:
01. Neighborhood #1 (Tunnels)
02. Neighborhood #2 (Laika) [
03. Une Annee Sans Lumiere
04. Neighborhood # 3 (Power Out) [

05. Neighborhood #4 (7 Kettles)
06. Crown of Love
07. Wake Up [
08. Haiti
09. Rebellion (Lies)
10. In the Backseat
mehr infos:
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>> the arcade fire - live @ tt the bears (14.11.04) [
>> the arcade fire - live @ kcrw / morning becomes eclectic (17.01.05) [
>> the arcade fire - "das pathos der kleinen dinge" (aus SPEX 03/05; autor: christian lehner)
>> the arcade fire - funeral (lyrics) [flash]
waldar - 8. Mrz, 17:25
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