the mars volta - frances the mute [universal/gsl]


the mars volta - frances the mute reviewEigentlich hatte ich ja vor diesen Text mit einem kurzen Ausflug Richtung "Hype" beginnen zu lassen, nur um erkennen zu müssen, dass die Diskussion darüber müßig und letztendlich unnötig ist. Gerade wenn man sich mit einer Band wie The Mars Volta beschäftigt, die - von dem Post-Indie-Superstardom-Namen At The Drive-In mal abgesehen - auch immer im Kontext von Sparta und Defacto gesehen werden muss. Letztere sagten mir noch nie zu. Dafür gibt es keine triftige Begründung, das hat eher mit musikalischer Ablehnung im größeren Stile zu tun, einer Unlust der Auseinandersetzung mit einem Band-Projekt, das für mich nie mehr als ein Versuch war. Ob man an selbigem selbst gescheitert ist, lässt sich von hier aus nicht erschließen, jedenfalls bestärkten mich Gespräche mit verschiedenen Menschen über das Sparta-Album "Porcelain" in meiner Kritik. Wie auch immer, der Kosmos des Indie-Post-Core ist weit und ich erinnere mich nur wohlwollend an "Realtionship Of Command" zurück, aber wer sich darauf nicht einigen konnte, hatte den Schuss sowieso nicht gehört.

Mit The Mars Volta liegen die Dinge anders: Auch wenn hier - genau wie bei At The Drive-In - der Fokus klar auf Wachstum liegt, auf einem musikalischen Wandel, so vollzieht sich selbiger bei The Mars Volta entgegengesetzt dem von ATDI: Entwickelten sich diese von der Beliebigkeit in Person zu einer Art Bubblegum-Indie-Popstar-Größe, einem Kopfnicken bei nahezu Jedermann, gingen TMV schon seit ihrer "Tremulant EP" Anfang 2002 andere Wege. Musik wurde gebrochen, gestreckt, mit hunderten neuen Einflüssen versehen, dekonstruiert, vernichtet und wieder neu zusammengesetzt. Entgegen sämtlicher popkulturellen Spielregeln konstruierten Omar Rodgriuez und Cedric Bixler The Mars Volta, die eigene Diskografie bestehend aus der "Tremulant EP", "De-Loused In The Comatorium" und nun "Frances The Mute" betoniert dabei eine ganz eigene Dramaturgie. Intellekt und Leidenschaft wären die passenden Synonyme für - ja, man muss es so ausdrücken - ihre Werke. Und diese finden sich nirgends so ausgeprägt wie auf "Frances The Mute": Standen bei den Vorgängern einzelne Stücke für sich selbst, werden sie nun unter einzelnen Akten zusammengefasst. Die Inszenierung der höheren Idee, die gewollte Schaffung von Spannung, das gezielte Einbeziehen des Hörers: All das folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie, die dem Hörer leider wenig Raum lässt. Introvertiert kann man The Mars Volta sicherlich nicht nennen, genau dies erwartet man allerdings vom Käufer der Platte: Denn stechen in den einzelnen Akten immer wieder Passagen mit - und das war überraschend - ATDI-Anleihen heraus, so ist "Frances The Mute" als Gesamtwerk leider nur in den eigenen vier Wänden zu genießen. Wie sollte man auch mit solch einem Album umgehen, das abgesehen eines Songs nur Tracks bietet. Und diese bewegen sich dann auch noch zwischen 12 und 31 Minuten Spiellänge.

the mars volta                photo: courtesy of the mars violta / universal records Musikalisch ist die Verortung von "Frances The Mute" schwierig wie eh und je: Keine leichte Kost, Dringlichkeit an jeder Ecke, auch und gerade in den ruhigen Passagen des Albums. Auch und gerade lateinamerikanische Einflüsse sowie eine abwechslungsreiche Instrumentierung finden sich an jeder Stelle des Albums, teilweise geht der Gesang ins spanische über um kurz danach wieder einen absoluten Ruhepunkt zu erreichen. Weite, ewig ausgeschmückte Passagen sind jedoch immer noch Geschmackssache und "Frances The Mute" bietet davon immer wieder Kostproben, wird es neuen Käuferschichten noch schwieriger machen, Anschluss an die Idee hinter TMV zu finden. Auch Passagen wie in "Miranda, That Ghost...", die über längere Zeit aus eher sphärischen Klängen bestehen, um für geschätzte 1 1/2 Minuten einen Klimax zu erreichen oder das mit über 30 Minuten längste Stück "Cassandra Gemini" mit seinen immer wiederkehrenden Brechungen traditioneller Songstrukturen erschweren den Genuss von "Frances The Mute". Und auch die knapp 6-minütige Single "The Widow" stellt eher einen Problemfall des Albums dar, weil die darin größtenteils vorherrschende, ruhige Grundstimmung nicht wirklich repräsentativ für das Album sein dürfte.

Man muss es The Mars Volta zugestehen: Sie verstehen ihr Handwerk, sie gehen andere, innovative Wege, zeigen Möglichkeiten auf und polarisieren. Mich persönlich konnte "Frances The Mute" nicht von meiner Meinung abbringen, die sich während "De-Loused..." gebildet hatte. Schade, denn ich hätte der Band gerne eine zweite Chance gegeben. Leider ist man mit dem neuen Album weiter in die Frickel-Ecke abgedriftet, als mir Recht und Lieb gewesen wäre. Fünf Passagen Geschmackssache.


tracklisting:
01. "Cygnus...Vismund Cygnus"
A. "Sarcophagi"
B. "Umbilical Syllables"
C. "Facilis Descenus Averni"
D. "Con Safo"
02. "The Widow" [real.media-file/video/stream]
03. "L' Via L' Viaquez"
04. "Miranda That Ghost Just Isn't Holy Anymore"
A. "Vade Mecum"
B. "Pour Another Icepick"
C. "Pisacis (Phra-Men-Ma)"
D. "Con Safo"
05. "Cassandra Gemini"
A. "Tarantism"
B. "Plant a Nail in the Navel Stream"
C. "Faminepulse"
D. "Multiple Spouse Wounds"
E. "Sarcophagi"


the mars volta auf tour:
24.02. Hamburg - Docks
01.03. Berlin - Huxleys
03.03. Köln - Live Music Hall
04.03. München - Muffathalle


mehr infos:
the mars volta - frances the mute VÖ: 21.02.2005
>> the mars volta
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Titel:

Text:

 


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