Freitag, 3. September 2004

radio 4 - stealing of a nation [city slang / labels]

radio 4 - stealing of a nation Gleich von Anfang an wird klar, mit was man es bei "Stealing of a Nation" zu tun hat. Das ist nicht mehr der rotzige Post-Rock von "The new Song and Dance" oder der elektronisch angehauchte Indie-Disco-Brecher "Gotham".
"Stealing of a Nation" ist die elektronischste Variante des heutigen New York, sofern man das Prädikat "elektronisch" auf die Gitarren-Acts beschränkt. Wurden Anfang des Sommers noch !!! (oder ChkChkChk, PahPahPah, FtFtFt oder wie auch immer man will) als die Retter des Dance ausgelotet, so wird man mit "Stealing of a Nation" feststellen müssen, dass die Revolution momentan tanzbarer nicht sein könnte.

Denn nicht nur der Einfluss von Elektronik und Percussions nimmt auf dem dritten Radio 4-Album mehr Raum ein, auch die Politik der konservativ regierten USA kommt nicht zu kurz.

Amerika ist seit 9/11 nicht mehr das, was es vorher war. So die vollmundige Ankündigung seitens George W. Bush. Terrorgefahr von überall, ein Taliban in jeder Mülltonne und ein Milzbrandbomber in jedem E-Mail-Postfach. Das Lebensgefühl - gerade in New York City - ist ein anderes und das spüren vor allem die Bürger an jeder Straßenecke. Seit Giuliani und Bloomberg NYC unter Beschlag genommen haben herrscht in der Stadt wieder das altbackene Cabaret Law, das Tanzen in Clubs nur mit Hilfe einer teuren Tanzgenehmigung erlaubt. Terrorgefahr Gelb bis Dunkelrot, ständig wechselnd, ständig Panik verursachend. Der Song (und die dazu passende EP) "Dance to the Underground" war seiner Zeit voraus und sah die Veränderungen kommen.

2004 klingen Radio 4 tanzbarer und bouncender denn je, erwähnte ich das bereits? Die Gitarre weicht mehr und mehr Bongos und anderen Percussion-Instrumenten, die Nachbarschaft zu Label-Homies wie Miss Kittin oder The Faint hat Spuren hinterlassen. Dennoch brechen Radio 4 sofort wieder mit dieser Entwicklung, ganz einfach, indem sie den Elektro-Vorzeige-Mixern von DFA Records erst einmal den Rücken zukehren und statt deren Max Heyes of Primal Scream-Fame als Produzenten wählen. Soviel zum Thema Elektronik.

r4gruppe Um zum Punkt zu kommen: "Stealing of a Nation" ist knackig voll mit Dancefloor-Brettern. Bis zum bitteren Ende hallen die politischen Parolen und Warnungen nach, jedoch weniger belehrend und anklagend, sondern vielmehr zum In-der-Disko-Politik-shouten-anregend.
Dieser Mix beginnt bereits mit der treibenden Single "Party Crashers", dem Lobgesang auf alle "Digital Recording Heroes" und Musik-Industrie-Vorführer in "Transmission" oder in "State of Alert", wo eine nervöse Gitarre Sirenen simuliert wird und den Adrenalinspiegel Richtung Alarm hebt. Alarmstufe Orange- Mittelhohes Risiko, "and they need you feel uncertain, you're their means to a distinct end. They got you holdin' on, its a state of alert again."
Das hierzulande kein kommerzieller Radiosender alternative Musik spielt ist ein alter Hut. In den USA ist das nicht anders, Clear Channel Communications machen es vor und kaufen sich einen Sender nach dem anderen. Und stellvertretend für alle anderen Bands wird "The Death of American Radio" proklamiert, zu Recht, wie man leider sagen muss. Pumpendes Intro, schon gehen Beat und Gitarre über den Äther.
"Nation" passt nicht ganz ins Bild. Ruhig, zurückgenommen, nachdenklich, von einzelnen Gitarrenriffs begleitet und einer bedrohlich wirkenden Basslinie durchzogen. Der Stolz einer Nation vereint im Kampf (oder nennen wie es lieber "Struggle") gegen eine Regierung, die nicht von der Bevölkerung legitimiert ist.
Darauf folgt - wie sollte es anders sein - "No Reaction", es muss wieder getanzt werden! "Wir brauchen mehr Dynamit, mehr Dynamit!" (sic!)
Auch die zweite Single "Absolute Affirmation" fällt aus dem Rahmen. Weniger wegen zu ruhiger Musik, sondern eher, weil in diesem Song das Album "Gotham" noch am deutlichsten zu spüren ist. Im Albumkontext ist das ein schwächeres Stück, sehr gefällig und eingängig. "Single-Format, eben" wurde mir heute erst wieder treffend attestiert.

Man muss nicht alle Songs durchgehen um verständlich zu machen, dass Radio 4 nach ihrem Wechsel zum US-Label Astralwerks eine stilistische Neuerfindung geschafft haben und sie endlich in dem Sound angekommen sind, den sie schon zu den "New Slang..."-Zeiten haben wollten, aber noch nicht konnten.
Eines muss man zum Schluss aber doch noch sagen: Das Intro in "(Give me all your) Money" klingt verdächtig nach der Cover-Version, welche die Pet Shop Boys einmal von Blur's Girls and Boys gemixed haben. Allerdings braucht man sich deswegen bestimmt nicht zu verstecken. Schon gar nicht wenn der Song im Nachhinein ein Guter geworden ist!

tracklisting:
01. Party Crashers [real.media-file/stream]
02. Transmission [real.media-file/stream]
03. State Of Alert
04. Fra Type 1 & 2
05. The Death Of American Radio
06. Nation
07. No Reaction
08. Absolute Affirmation [real.media-file/stream]
09. (Give Me All Your) Money
10. Shake The Foundation
11. Dismiss The Sound
12. Coming Up Empty

radio 4 auf tour:
01.11.04 Frankfurt/Main, Pop&Glow@Altes English Theatre
02.11.04 Karlsruhe, Substage
03.11.04 Köln, Gebäude 9
26.11.04 Hamburg, Knust
27.11.04 Berlin, Columbia Club
29.11.04 Dresden, Star Club
30.11.04 München, Atomic Café


mehr infos:
radio 4 - stealing of a nation VÖ: 06.09.2004
>> radio 4
>> city clang
>> astralwerks
>> labels
>> radio 4 radio
>> interview: radio 4
>> lyrics: radio 4 - stealing of a nation


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