Montag, 30. August 2004

interview: beep beep - köln - blue shell - 16.08.2004


"Ich will nicht unbedingt sexuell penetriert werden, aber ich will Dampf ablassen...

beepbeepint2 Vier Jungs aus dem Mittleren Westen der USA. Omaha, um genauer zu sein. Zusammen in einer Band. Mit Plattenvertrag bei Saddle-Creek.
Diese Kriterien sind längst nicht mehr der Garant für hysterische Jubelschreie seitens Fans und Presse. Die letzten 2 1/2 Jahre lang hatte man sich bereits daran gewöhnt, aus dem Hause Saddle-Creek sowohl qualitativ gute als auch innovative Musik zu hören. Beep Beep sind da prinzipiell auch nicht anders. Beep Beep machen allerdings keine leicht zugängliche Musik. Die einen überschlagen sich vor Begeisterung, bei anderen ruft der Gesangsstil Assoziationen zu Wilden Tieren herauf. Was sagen Eric und Chris von Beep Beep dazu bzw. zu ihrem Album "Business Casual"? Und wieso fängt Chris bei den ersten Tönen von "Another Day in Paradise" an mitzusingen? Nach ihrem Konzert im Kölner Blue Shell haben Nadine und ich mal nachgefragt.


waldar: "Business Casual" wirkt auf mich wie ein Mash-Up unterschiedlicher Musikstile, so als hättet Ihr all Eure Einflüsse zusammengeworfen und in ein Album gesteckt. Wo kommen die her? Also, z.B. die lauteren Passagen, die Elektronik, die leicht "schizophrenen" Vocals...
Chris: Also, die schizophrenen Teile kommen direkt von uns. Ganz einfach, weil wir keine andere Musik kennen, die das tut. Eric und ich machen es einfach, vielleicht ist das unangebracht oder noch nicht einmal musikalisch, aber wir fühlen, dass es wichtig ist das so über die Kollegen zu legen. Wir hören alles mögliche: Klassik, Pop, Jazz...

waldar: Wie Phil Collins?
Eric: Zum Beispiel. (grinst)
Chris: Das fällt in die Kategorie, die wir "Guilty Pleasures" nennen. Wir sollten es nicht mögen, aber wir mögen es! Und es hilft uns, an unserer Musik zu feilen. Es gibt viele unangebrachte Sachen, die meine Musik rund machen: Meine Verehrung zu Cindy Lauper zum Beispiel...
Eric: Sie ist erstaunlich!
Chris: Oder Sachen wie Sade und Schneider TM. Wir hören alles mögliche.

beep beep - eric & chris photo: waldar.twoday.net nadine: Ich bin überrascht, dass Ihr Schneider TM kennt...
Chris: Er ist mit The Faint getoured, so bin ich auf ihn gestoßen. Ich mag seine Vocals über der elektronischen Musik, sehr "layed back". Ich mag keine BUMMBUMMBUMM-Elektronik. Aber er backed den Beat ein wenig auf. Er hat einen coolen Vibe!

waldar: Könnt Ihr mir kurz etwas über Euren persönlichen Hintergrund erzählen? Ich habe gelesen, dass ihr schon 1994/95 in verschiedenen anderen Bands gespielt habt. Und dass Ihr Euch eigentlich auf einem Konzert kennen gelernt habt?
Eric: Ja, das stimmt. Ich weiß zwar nicht, wo Du es gelesen hast, aber es stimmt. Chris und ich haben uns glaube ich 1995 kennen gelernt. Er spielte mit Todd und Conor in einer Band, "The Magnetas". Sie machten diese hervorragende Popmusik mit ihm als Sänger.
Chris: Ich habe Pop-Musik gesungen! (grinst breit)
Eric: Lächerlich und unpassend, aber sehr lustig! Und aus irgendeinem Grund entschied er sich, daraus eine Hardcore-Band machen zu wollen. Er dachte, ich könnte ihm dabei helfen, obwohl ich kein Hardcore-Fan bin. Aber er hat mich Gitarre spielen sehen.
Chris: Er hatte einen wirklich guten Drive beim Gitarre spielen. Er konnte die Energie genau so einfangen, wie ich es wollte. Ich wollte etwas machen, das sich in dem Bereich bewegt, den Du "schizophrene Vocals" genannt hast.
Eric wollte das damals leider nicht machen. Und schließlich ging die Band mit Todd und Conor daran zugrunde, dass ich ein Genre einführen wollte, für das ich nicht bereit war. Und das bin ich auch jetzt noch nicht. Wir sind noch keine Hardcore-Band. Someday!
beep beep - chris & joel                 photo: waldar.twoday.net Eric: Und dann sind wir mit Joel zusammen gezogen. Wir gründeten eine "Hausband", die sich aber so entwickelte, dass das Projekt starb. Wir hatten aber die aufgenommenen Songs, Saddle-Creeek gefielen sie und sie haben sie released.
Chris: Das war auf einem Sampler. Correct me if I'm wrong, aber der Sampler kam raus, als wir keine Band mehr waren?!
Eric: Doch, als er erschien waren wir noch eine Band. Aber als unser... Ich würde es nicht Album nennen...
Chris: Unser "Full length release"...
Eric: Unsere "Sammlung von Songs" "released wurde, waren wir keine Band mehr. Wir konnten nicht touren, es wurde nicht wie alle anderen Alben released, es gab keine Promo...
Chris: (beugt sich nach vorne, verzieht das Gesicht und sagt furztrocken:) Lumberjack Release Nr. 26, Gabardine - self-titled. Avaiable only on CD with no Jewel Case! (alle lachen) Und das war es!
Eric: ...Äh, ja. Chris drehte durch, wir hörten für eine Weile mit dem spielen auf...
Chris: Ich habe mich seitdem erholt. Ich bin stärker denn je!

waldar: Aber das Ziel für dieses Album - "Business Casual" - war, das Album zu machen, es zu releasen, gut klingen zu lassen und zu touren. Notfalls auch ein eigenes Label zu gründen?!
Chris: Das ist eigentlich das Ziel jeder Band, oder?! Wir wollten das Album notfalls auf eigene Rechnung produzieren und es so machen, wie wir es wollten. Ob andere das mögen oder nicht! Wir haben uns selbst finanziert und uns darauf vorbereitet, es selbst zu releasen. Natürlich haben wir es auch Labels angeboten. Anfänglich war Saddle-Creek gar nicht auf unserer Liste, weil sich unser Musikgeschmack voneinander entfernt hatte und wir sie nicht mit Musik belästigen wollten, an der sie nicht interessiert sind.
Eric: Wir dachten nicht dass sie es mögen würden...
Chris: Aber es gefiel ihnen, wer hätte das gedacht... Und wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, sie sind Freunde... Wir haben uns dazu entschieden mit ihnen zu releasen, obwohl wir auch Angebote von Labels hatten, die ich achte und bewundere. Und es endete einfach in einem tollen Deal! Wir lieben alle bei Saddle-Creek. Wir respektieren die Art, wie sie ihr Label schmeißen. Sie haben Beziehungen in Europa. Es war einfach eine sehr leichte Entscheidung!

waldar: Das Album wurde dann in den "Presto! Studios" von Mike Mogis produziert?
Chris: Es wurde von A.J. Mogis getracked, er hat die Tontechnik gemacht und ein wenig bei der Produktion geholfen. Er spielte die Orgel in "Misue their Bodies". Gemixed wurde es von Andy LeMaster von Now It's Overhead in den Chase Park Transduction Studios in Athens.

beep beep                    photo: courtesy of saddle creek / beep beep waldar: Was hat es eigentlich mit diesen Masken auf sich? In allen Reviews liest man von "wilden Tieren". Auf der Bühne bestimmt, aber in Wirklichkeit seid Ihr ja ganz normale Jungs...
Chris: Nun, wir sind natürlich keine wilden Tiere, aber musikalisch fühle ich... Denken wir... Hast Du jemals den Ausdruck "Caterwauling" gehört? Das nennt man so, wenn eine Katze räudig ist und durch die Strassen schreit, weil sie sexuell penetriert werden will! (allgemeines Gelächter)
Sie jault und maunzt. Ich will nicht unbedingt sexuell penetriert werden, aber ich will Dampf ablassen. Ich krächze und schreie in Arten, die den Stress weichen lassen.
Eric: Wir sind beide ziemlich stark von diesem Verhalten beeinflusst und das ist auf dem Album repräsentiert.
Chris: Wir sind Katzen-Menschen! Keine Hunde-Menschen!

waldar: Was geht dann mit Catwoman?
Eric: Wir entschuldigen uns vielmals für Catwoman! Der Werbe-Dollar regiert die Welt...
Chris: Nein, wir scheren uns nicht um Catwoman! Das ist ein fiktiver Film , unser Leben fusst auf der Wirklichkeit... (grinst breit)

nadine: Was haltet Ihr von Leuten, die Eure Musik zu ernst nehmen, die Lyrics interpretieren und so?
Chris: Ich denke nicht, dass man da zuviel drüber nachdenken kann.
Eric: Ich denke - und das wurde schon oft gesagt - die Schönheit von Musik ist, dass sobald du deine Musik aufnimmst & veröffentlichst, sie nicht mehr dein ist. Sie wird zum öffentlichen Eigentum. Wie auch immer sie interpretiert wird, wieviele Gedanken auch reingesteckt werden... Solange es das Leben von Menschen bereichert und unterhält: Toll!

nadine: Wie lange hat es eigentlich gedauert, das Album zu schreiben?
Chris: Es dauerte nicht so lange, die Songs zu schreiben, aber die Platte aufzunehmen. Es gab Studiokomplikationen, wir wurden aus dem Aufnahmeplan geschmissen.
Eric: Wir haben insgesamt 12 Tage lang aufgenommen, aber wir haben von Juni bis Dezember gebraucht. Wir hatten kein Label, es gab kein Release Date und das Studio sah in uns keine Priorität und haben uns so immer weiter verschoben. Also, für das gesamte Album - das ganze Material aufzunehmen - haben wir 8 Monate gebraucht.
Chris: Das hätte eigentlich nur 1 1/2 Wochen dauern dürfen. Das Ding ist: Wenn du nicht auf einem Label hast und ins Studio gehst, gibt es eine Hackordnung. Wenn dann jemand mit Label kommt und seine Sachen einspielen will: Tja, dann wird dein Name vom Plan gestrichen... (zuckt mit den Schultern)

nadine: Hättet Ihr auch ohne Label getoured?
Eric: Nein, nicht wirklich. Unsere Bassistin (Katie Muth, Anm. d. Verf.) wollte uns verlassen und zur Grad School gehen. Wir wussten nicht, was mit dem Album passieren sollte. Chris und ich waren bereit, es aus eigener Tasche zu finanzieren und vielleicht damit leben zu müssen, das niemals irgendwas draus wird. Es war dann toll festzustellen, dass andere Leute es wirklich mochten.
Chris: Wir mochten es, weil wir alle Dinge, die wir lieben da reingesteckt haben und eine Platte für uns selbst gemacht haben. Dann haben wir es geteilt, andere mochten es und wir dachten: GREAT! Das kam unerwartet. Dieser gesamte Prozess ging von Null Erwartungen aus. Wir erwarten von niemand, dass sie es mögen oder ablehnen. Wir haben es gemacht.
Eric: Eigentlich erwarte ich schon, dass es entweder gemocht wird oder auf Ablehnung stößt. Das Album ist - wie soll ich sagen - aggressiv in der Hinsicht ob man daran Spaß haben kann oder es absolut ablehnen muss!

nadine: Aggressiv im Vergleich zu anderen Saddle-Creek-Bands.
Eric: Ich meine aggressiv jetzt nicht so Macho-Männlich, dass ich Tatoos tragen müsste oder so. Eher in dem Sinn, dass es dich nicht relaxen lässt. Es schlägt dir dauernd ins Gesicht, während das Album läuft...


mehr infos:
beep beep - business casual [saddle creek records / indigo] >> beep beep
>> saddle-creek
>> review: beep beep - business casual
>> review: beep beep live @ blue shell / 16.08.04
>> beep beep - misue their bodies [mp3-file/5,16 mb]
>> beep beep - i am the secretary [mp3-file/4,34 mb]


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