Montag, 19. Juli 2004

interview: kunst [via email] - 2004

„Auf der Bühne bekomme ich Wut. Ich bin frei wie ein Schizo.“


click 2 pop __ photo: fatal recordings / kunst - die kapelle Musikalisch – und da seien wir jetzt mal ehrlich – hat die Schweiz nicht allzu viel zu bieten. KUNST, das ist ein Quartett aus Lausanne. KUNST entstand während der gemeinsamen Zeit an der Kunstschule von Lausanne. Gelandet sind sie auf dem Label von Ex-ATARI TEENAGE RIOT-Sängerin Hanin Elias, „FATAL RECORDINGS“. Eine Band, die sich selbst (Und mit Ihrem Album „too Kunst“) als Kunst outet, hat etwas zu sagen. Über Kunst selbst, Avantgarde, Musik, Lausanne und den ganzen Rest. Ein Email-Interview mit Sängerin Virginie Burnier (VB), Rachel Vulliens (Bass/RV), Stephane Kropf (Gitarre/SK) und Vincent Kohler (Schlagzeug/VK).



waldar: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia beschreibt Kunst als “der Prozess und das Ergebnis aus der Wahl des Mediums, eines Regelrahmens für den Gebrauch dieses Mediums und Werte die festlegen, was durch dieses Medium ausgedrückt werden kann um entweder einen Glauben, eine Idee, eine Sensation oder ein Gefühl am effektivsten, für dieses Medium möglichen Weg, zu transportieren.“
Existiert eine Definition, die Ihr als Band für euch definiert habt um Eure Ambitionen gegenüber Musik zu bestimmen? Oder ist Rock’n’Roll der einzige Bezug, der wichtig ist?

photo: fatal recordings / kunst - virginie burnier VB: Für mich ist Musik ein Weg, mich selbst zu überwinden. Jedes Wort hat seine Wichtigkeit, seinen Symbolismus. Wie Jesus. Musik ist heilig. Sie steht in direkter Verbindung mit unserer Seele. Meine Referenzen sind LYDIA LUNCH und DAVID BOWIE. Bowie ist mein Gott.
RV: Musik ist das unmittelbarste Medium der Kunst. Es hat sich lange nicht wirklich geändert. Zusammen spielen ist zusammen sein. Jede Idee, jedes Ereignis oder Gefühl wird mit Gewalt kommuniziert um es intakt zu halten.
VB: Rock’n’Roll ist eine Art große Zeremonie. It is a raygun in the head. Wie in Bowie’s Texten: “Put your raygun in my head.”
Rock’n’Roll - Körper – Geist.
VK: Wir wollten nie nur in eine Richtung gehen. Wir gehen einfach dort hin, wo es die interessantesten Sachen gibt…
SK: Am Anfang gab es die Idee, Rock’n’Roll als Teil eines zeitgenössischen Kunstobjekts zu verstehen. Dann wurde es allerdings immer mehr mit dem einen Rock’n’Roll verbunden. Das heißt, unsere Ambition ist es, die Füße auf verschiedene Bühnen zu bekommen und mit den verschiedenen Auffassungen, die jeder von uns über unsere Musik hat, zu spielen.


waldar: Auf Deutsch definiert “Kunst” auch die Elemente der menschlichen Kultur, die Werte für die Menschheit nicht erstrangig in Funktionalität sondern in ihrer verstandenen Schönheit enthalten.
Wieso benutzt Ihr „Kunst“ als Bandnamen? Gibt es einen wichtigen Bezug zu einer bestimmten Definition, die Ihr Euch selbst erstellt habt? Ist „KUNST“ etwas anderes als „Kunst“ (im deutschen Kontext, Anm. d. Verf.)? Ist es Avantgarde? Ist es Trash? Ist es beides?

SK: Schlägst Du immer Definitionen nach, wenn Du Interviews machst? (Wenn Bands ungewöhnliche Namen haben: Ja!, Anm. d. Verf.)
VB: Nur weil es sich gut anhört. Kunst ist der Moment.
VK: Es beginnt mit einem „K“ und endet mit einem „T“.
RV: Kunst ist Schönheit. Pure Ästhetik. Such nicht nach einer Bedeutung.


waldar: Ich habe gelesen, dass KUNST aus der Kunstschule wuchs. Mich würde interessieren, was genau Ihr studiert habt. Wie habt Ihr Euch getroffen und entschieden: „Lasst uns eine Rockband gründen, elektronische Elemente, „vulgäre“ Sprache benutzen und es dem Hörer schwer machen.

photo: fatal recordings / kunst - vincent kohler VK: An der Kunstschule, an der wir waren, hat uns nie beigebracht wie man malt, zeichnet oder ein Video macht. Aber wie man eine Idee entwickelt. Dann wählt man das beste Medium um seine Sachen zu produzieren. Das kann man also auf Musik, visuelle Kunst und Motorräder anwenden.
VB: Wir entschieden uns für die Rockband, weil es so war. Wir haben auf einer Promo-Party zusammen gespielt. Ich mochte es…
RV: Wir haben zeitgenössische Kunst und Kino studiert. Manchmal sind unsere Songs wie ein Film. Es hört sich an wie eine unglaubliche Geschichte. Es ist nicht immer einfach, daran zu glauben.
SK: Ich habe in der Schule gelernt, wie Dinge produziert werden und Mainstream Kunst oder Musik etc. zu machen ist kein Weg, bei dem ich mich wohl fühle.
Bei unserem ersten Gig traten wir auf obwohl die Band noch nicht existierte. Also nahmen wir alles, was uns über den Weg lief: Wie einen Synthesizer, schmutzige Wörter. Die werden wohl auch am häufigsten benutzt und sind am leichtesten für den Zuhörer verständlich.


waldar: Ich habe in einem anderen Interview gelesen, dass Ihr nur wenige elektronische Elemente auf der Bühne verwendet. Wenn ich mir dann Songs wie „Black Nation“ anhöre, dann kommt es mir so vor, als seien da viele Elektronika in Eurer Musik…

photo: fatal recordings / kunst - stephane kropf SK: Tatsächlich – und um ganz ehrlich zu sein – gibt es keine außer Digital Delay oder Distorsion hier und da. Es ist rein analog, nur Amps, Arm-getriebene Drums und Tabak-Stimmen. Aber das ist für uns kein Promo-Argument.
VB: Ich vergöttere Rock. Das ist die Basis. Auf der anderen Seite gibt es elektronische Musik. Besonders Techno-Punk wie ATARI TEENAGE RIOT. Ich mag ihre Power. Ich mag die Power von elektronischem Sound.
RV: Keinen synthetischen Sound zu benutzen heißt nicht, dass es keine elektronische Musik ist. Es ist mehr ein Weg, Musik zu spielen und zu denken. Ich versuche wie ein chaotischer Roboter zu spielen. In manchen Songs spiele ich dieselbe Note in einem Loop bis zum Ende. Und trotzdem mache ich Fehler.



waldar: Wie sind Live-Shows von KUNST? Sind es Rockshows mit dem Ziel, Menschen zum Tanzen zu bringen bzw. zu bewegen (i.e. ihre Körper, Anm. d. Verf.). Oder sind Eure Shows Performance-Orientierte Events wie die von COBRA KILLER?

VB: Auf der Bühne bekomme ich Wut. Ich bin komplett in mich gekehrt. Ich bin frei wie ein Schizo. Aber ich mag es auch, mit den Leuten zu kommunizieren. Ich bin völlig angreifbar. Es ist gefährlich.
RV: Wir wollen die Leute zu nichts bestimmten bringen. Sie sollen unsere Musik genießen.
SK: Ich konnte COBRA KILLER in meiner eigenen Enzyklopädie nicht finden, aber ich bin mir ziemlich sicher zu wissen was sie machen. Dann ist die Antwort: Nein, wir haben nie an einer Performance-Show gearbeitet. Aber wer weiß. Vielleicht sagen wir eines Tages „Ho-ho-ho-Hoha“ und du sagst dann „Ho-ho-ho-Hoha“ (Hat wohl funktioniert. Anm. d. Verf.)


waldar: Wie sieht es mit der Musik-Szene in Lausanne aus? Ich habe von einem großen „Untergrund-Ding“ gelesen. Wie viel Kreativität steckt in der Stadt? Wo ist Euer „Platz“ in der Community?

VB: Die Musik-Szene von Lausanne ist grob gesagt Scheiße. Es existiert eine Art Kunst-Szene mit hochintelligenten Menschen.
RV: Ich liebe VELMA und HONEY FOR PETZI.
SK: Es gibt eine große, kreative Community in Lausanne, nicht nur Rockbands. Sondern Leute die wirklich zusammen daran arbeiten, sie attraktiver zu machen. Es sind einige interessante Club-Projekte geplant. Aber legale Aktivitäten brauchen so lange, dass die Leute wieder in ihrer kleinen Ecke der Welt zu arbeiten beginnen. Und die mystische, Alternative-80s-Rock-Bühne wird jetzt von betrunkenen, vegetarischen Freaks beherrscht, mit denen wir uns nicht wirklich wohl fühlen.
Wir sind die neueste Band in der Stadt, aber das Rock-Establishment hat von uns gehört.
VK: Viele Bands sind Underground, weil sie in einer Höhle ohne Blick auf den See spielen…


waldar: Euer Statement zu Feminismus / Sexualität / Wahrheit / Ehrlichkeit / was auch immer

RV: Fast jeder versucht ehrlich zu sein. Ich auch.
SK: Wrong/Right/Wrong/Right/Right
Or as Donald says
As we know,
There are known knowns.
There are things we know we know.
We also know
There are known unknowns.
That is to say
We know there are some things
We do not know.
But there are also unknown unknowns,
The ones we don't know
We don't know.


waldar: „too Kunst” zeigt einige Referenzen zu Bands wie ERRASE ERRATA, YEAH YEAH YEAHS, LIARS und SONIC YOUTH (wie zum Beispiel „Rain King“, Anm. d. Verf.). Ihr sagt von Euch selbst, Eure Einflüsse seitens elektronischer Musik seinen KRAFTWERK, T.RAUMSCHMIERE und APHEX TWIN. Würdet Ihr zustimmen, dass all diese in Eurer Musik gefunden werden können? Oder habt Ihr einen eigenen Stil, einen innovativeren Anspruch an Musik?

VB: Ich liebe APHEX TWIN. Ich liebe KRAFTWERK. Aber für mich stehen für Innovation DAVID BOWIE, MOLOKO und jeder, der die Begeisterung hat. Leute, die Mode nicht wie Schafe folgen sondern sich ihrer Originalität annehmen und gute Gründe dazu haben. Ich tue mein Bestes.
photo: fatal recordings / kunst - rachel vulliens RV: ich glaube nicht, dass wir mit KUNST ein original sein wollten. Wir haben nur Musik gespielt. Und da wir vier verschiedene Menschen sind mit vier verschiedenen Einflüssen, klingt es eben so.
SK: Sicher. Sie sind keine direkten Einflüsse, aber ich denke, dass wir dieselben Einflüsse wie sie haben. Aber ich würde lieber MELT BANANA oder THE FALL, JESUS LIZARD, DESTROY ALL MONSTERS, frühe CAN, BIKINI KILL, OOIOO, THEORETICAL GIRLS und so weiter zitieren. Dann müssen wir auch andere Einflüsse wie BOWIE meistern und es gut klingen lassen. Grundlegend beginnen wir zu improvisieren und legen uns später fest. Es ist kein innovativer musikalischer Prozess
VK: Es ist nicht wirklich innovativ, aber wir sind natürlich wie Filter. Danach ist es eine Frage von Sound und Groove.


waldar: Für mich klingt Eure Musik nach einer Dekonstruktion klassischer Rock- und Elektronischer „Dance“-Musik. Hattet Ihr bei der Bandgründung bereits diese Intention zu Eurer Musik?

VB: Nein, wir wollten nur rocken. Das Leben ist so schön und gut und lustig!
SK: Von Anfang an wollten wir nicht zwischen Stilen wählen. Wir alle hatten vor KUNST andere Sachen gemacht und wir wollten etwas anderes machen. Wir wussten nicht einmal, welches Instrument wer spielen würde.
Wir wussten, was wir nicht machen wollten, aber wir lernen immer noch, was wir machen wollen.
Grundsätzlich kann ich keine Grenzen zwischen Classic Rock, elektronischer Dance-Music, Doom oder Hardcore sehen. Es kann eher als Dekonstruktion klassischer Bewertung von Musik (i.e. Schubladen, Anm. d. Verf.) gesehen werden, denn als Musik selbst.
VK: Unsere Songs sind oftmals Collagen von verschiedenen Teilen, die als eigene Tracks gedacht waren. Daraus resultiert eine Kollision der Atmosphären.


waldar: Wie entstehen KUNST-Songs? Gibt es einen Songwriter?

VB: Ich schreibe die Texte.
VK: Wir improvisieren einfach, um neue Songs zu finden.


click 2 pop __ photo: fatal recordings / kunst - too kunst waldar: Wie ist die arbeit mit den Leuten bei FATAL Rec.? Da ist ja eine kleine Distanz zwischen Berlin und Lausanne…
VB: Sie sind so niedlich. Als ich 15 war, traf ich Hanin Elias und bat sie um ein Autogramm. Ich liebe die Art, wie sie Rock trashed.
SK: Wir haben eine starke platonische Mail-Beziehung. Aber es ist cool, in Deutschland gesigned zu sein, denn das Schweizer Business ist Chihuahua…


waldar: Wie sieht es mit Plänen für Deutschland bzw. Europa aus? Wird „too Kunst“ noch irgendwo in Europa released? Irgendwelche Tour-Pläne?

VB: Wir planen wieder auf Tour zu gehen.
SK: Wir werden touren, zuerst in der Schweiz und in Deutschland und wer weiß…


waldar: Ein paar kurze Kommentare zu:

++ Kunst ist: Macaulay Culkin

++ Überbewertung: Michael Moore

++ Unterbewertung: Marc E Smith

++ Rock'n'Roll: Asia Argento

++ Jobbing: Michael Jackson

++ Studentenleben: Avril Lavigne

++ Pandas: Hadmar Kurz


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waldar - 19. Mai, 23:00
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ich wusste jetzt nicht, wo ich reinschreiben sollte.....
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