interview: mclusky - köln - gebäude 9 - 10.05.2004
"Unsere Art Musik muss so verzerrt und schrecklich sein, wie sie ist."
Eine Band als Gegenentwurf zum Rock-Mainstream? Verweigerung gegenüber gängigen Musikklischees? Kein Anzugtragender Rock'n'Roll aus Skandinavien? Keine Denim-Garagenband? Keine Synthesizer am Start? Die Zeiten ändern sich, Retro ist Neu, ist besser und allgegenwärtig.
Da wurde es Zeit, gegenzusteuern.
Mit wuchtigen Gitarren, verzerrtem Bass und einem wütenden Schlagzeug. McLusky wachsen mit "The Difference between me and you is that I'm not on fire" über sich und ihre bisherigen Alben hinaus. Vertrackter, ruhiger, schwieriger im Zugang. Weniger Schläge ins Gesicht. Das mag manche abschrecken, die McLusky gerade für ihren Vorwärtsgang geliebt haben. Das liegt im Wesentlichen an Jack Egglestone, der den bisherigen Drummer Matt Harding ersetzte. McLusky sind allerdings nicht zur Pop-Band mutiert. Mit der Hilfe von Steve Albini haben sie erneut einen Diamanten ausgegraben, der - auch wenn er ungeschliffen wirkt - mehr Wert besitzt als so manche Hochkaratproduktion.
Während Ihres Konzerts im Kölner Gebäude 9 traf ich Bassist Jon Chapple, um mir ein im letzten Sommer versprochenes Interview zu geben. "Eigentlich macht Andy die Interviews. Der hat die Sachen im Kopf!" Versprochen ist versprochen.
waldar: Ok, Jon, Lust anzufangen?Jon: Ja, go for it!
waldar: Ihr stapelt immer noch ziemlich niedrig bezüglich Eurer Musik?! Das denke ich zumindest wenn ich mir "The difference between me and you is that I'm not on fire" und "Fuck this Band" und dieses ganze Ding anschaue. Wenn jetzt grosse Musikmagazine wie der NME daherkommen und sagen: "Das ist die beste Live-Band" - obwohl sie das 10mal pro Jahr sagen - wie antwortest Du darauf?
Jon: (nimmt tief Luft) Tun was ich schon immer getan habe und immer tun werde: Den NME komplett ignorieren! Ich lese überhaupt keine Musikmagazine. Irgendwie mag ich ausländische Magazine. Ich kann die Reviews nicht lesen, aber ich mag die Bilder. Zumindest manchmal. Es hilft mir, mich daran zu erinnern wo ich war und was ich gemacht habe. Aber ich habe als Jugendlicher nie in Erwägung gezogen, Musikmagazine zu lesen. Meine ganze Musik kommt von Freunden. Ich lerne keine Bands kennen wenn ich es nicht von Leuten gesagt bekomme, die ich kenne.
waldar: War das dann auch so ein gegenseitiges Tape-aufnehmen-Ding?
Jon: In der Vergangenheit, ja! In letzter Zeit eher weniger. Mein Freund Stan hat mich neulich auf 'The Handsome Family' gebracht... (nimmt weit Anlauf) ...Fucking Great!!
waldar: Die haben aber nichts mit den 'Hansons' zu tun?
Jon: (lacht) Nein, nein, nein... 'The Handsome Family'. Die Gutaussehende Familie... Ich glaube, es ist ein Ehepaar. Sie spielen... Ich glaube man kann sagen, wenn es nicht wegen der Texte und der Melodien wäre, dann wäre es irgendwie gewöhnlich. Aber es ist einfach viel gehobener wegen diesem fucking coolen schnulzigen countryesquen Sänger. Dean Martin könnte auch so ähnlich sein...
waldar: Der Schauspieler?
Jon: Ja, aber war ja auch Sänger im Rat Pack...
waldar: Ok, da kann ich nicht richtig mitreden. Das ist etwas zu lange her für mich... Mit manchen Sachen kommt man nicht so schnell in Berührung.
Jon: (lacht) Ich werde morgen 25. Ich habe in letzter Zeit eine Menge altes Zeug gehört, wirklich jede Menge. Jack hat mich auf 'Miles Davis' gebracht. Ich habe auch jede Menge von 'Johnny Cash' gehört, 'The Stanley Brothers'...waldar: Aber das ist nicht so ganz mit Eurer Musik vergleichbar, oder?!
Jon: Nein, klar... Die sind für mich auch noch sehr neu. Es dauert bei mir jahrelang, um für mich selbst einen Einfluss zu bemerken, was ich gehört habe und so. Ich habe auch viel Blues gehört. Viel altes Zeug. Rausfinden, wo alles herkam.
waldar: Gab es eigentlich eine grundlegende Idee für "The Difference..." bevor Matt die Band verlassen hat?
Jon: Nein. Ich glaube zwei Songs auf dem Album haben Matt als Credits. Obwohl das nicht so sein sollte. Jack hat das Leben in den Drumbeat gesteckt. Wir sind mit Matt nach Chicago gegangen und er spielte wie eine Pussy, wie ein Mädchen. Ich will nicht gehässig klingen, aber ich sage wie es ist. Wir haben das gesamte Album mit Jack geschrieben.
waldar: Was hat sich verändert seit Jack in die Band gekommen ist? Hat sich das Songwriting verändert? Hat er mehr Ideen und Kreativität eingebracht?
Jon: (energisch) Ja! Viele Dinge haben sich verändert. Als wir ihm gesagt haben, dass er in der Band ist, war er frech, charmant, sarkastisch, sehr bodenständig...
waldar: Also hat er genau in die Band gepasst?
Jon: Passend wie ein fucking Handschuh!
waldar: Wie habt Ihr Euch gefunden? Lief das über das Label?
Jon: Nein. Wir haben nicht einmal Werbung gemacht. Wir haben es nur gesagt und es sprach sich herum...
waldar: In Cardiff?
Jon: Ja, genau. Er probte mit einer Band in einem Studio, das von zwei Typen geschmissen wird, die auch ein Label haben. Das heisst 'FF Vinyl'. Die veröffentlichen lokale Bands. Die sagten zu ihm, dass wir einen Drummer suchen und da er nicht wirklich in einer Band spielte solle er uns anrufen. Er kam vorbei und er war der 12. Drummer den wir uns angesehen hatten... (grinst)
waldar: So in etwa wie sich Mitbewohner auszusuchen...Jon: Ja, so in etwa... Viele Leute die kamen waren ein Witz. Einige waren gut, andere ganz ok, aber sie haben nicht gepasst. Jack hatte drei Jahre lang nur Jazz gespielt und wusste nicht genau, wie es ist in einer Rock-Band zu spielen. Er meinte: "Ok, ich habe 3 Jahre Jazz gespielt, dann mache ich jetzt eben etwas anderes..." Er hat unglaublich schnell gelernt. Wir hatten zwei Wochen mit ihm als Drummer, dann mussten wir ein Video drehen, für 4 Shows nach Deutschland und dann 6 in Brittanien. Wir mussten also nach zwei Wochen auf Achse und er hat das gesamte Set gelernt! Und diese 10 Shows gaben ihm dann auch einen Ausblick darauf, wie eine grössere Tour aussehen würde. Denn das hatte er bis jetzt noch nicht gemacht...
waldar: Spielt Ihr eigentlich immer noch Songs von "My Pain and Sadness..."? Ich habe gelesen, ihr wärt nicht mehr so ganz zufrieden mit dem Album.
Jon: Ja, wir spielen noch Songs davon. Wir haben im Moment ein Set von einer Stunde, aber es passt nicht so gut.
waldar: Das hat sich auch ein wenig verändert: Am Anfang habt Ihr 20 Minuten-Shows gespielt, dann 30, jetzt 60... Reicht die Energie?
Jon: Jaja, das geht mittlerweile. Aber wenn wir kürzere Sets spielen müssen, dann sind die Sachen von "My Pain..." die ersten, die fliegen... Wir haben neue Sachen zu bieten und die Leute wollen die hören! Wir haben gute Reaktionen auf die Platte bekommen.
waldar: "The Difference..." ist aus meiner Sicht ein erheblicher Schritt weg von "Do Dallas", was Strukturen und Melodien angeht. Und auch Meilenweit entfernt von "My Pain...". Andy sagte an anderer Stelle, dass er es vorgezogen hätte, das Album 2003 rauszubringen um an einem noch neueren Album arbeiten zu können. Wenn Du auf diese drei Schritte zurückblickst: Wird sich McLusky weiterhin im Sound verändern oder habt Ihr Euren Stil gefunden?Jon: Ich denke, je mehr wir mit Jacky zusammenarbeiten kommt auch mehr von ihm selbst in die Band. Es ist jetzt schon so, dass er Dinge einbringt. Aber diese ganzen Erfahrungen, das Touring und die ganzen Gigs sind eine Charakter-Bildung. Du denkst viel über dich selbst und andere Menschen nach wenn du auf Tour bist...
waldar: Vor allem wenn man so oft und so lange auf Tour ist...
Jon: (lacht) Ja. Solange er so zuversichtlich bleibt wie im Moment und Andy und ich auch so drauf sind wie bisher... Es ist bis jetzt noch nicht langweilig geworden. Manches ist ermüdend. Manchmal ist es auch ein Haufen Müll. Die Shows eingeschlossen... (grinst)
waldar: In "Forget about him" benutzt Ihr doch auch Trompeten. Das ist doch ein wenig weg von dem Gitarre/Schlagzeug/Bass-Ding. Wird das auch mal ein Live-Song?
Jon: Wir haben den schon mal live gespielt. Als wir ihn aufgenommen haben, hat er ein bisschen nach Flamenco geklungen. Bob Weston war bei uns im Studio, wir haben uns unterhalten und sind dann mal in seinem Haus zum Essen gewesen. Und als wir diesen Song fertig gestellt hatten und ihn noch mal angehört hatten, fragten wir Bob: "Hey Bob, Wanna play trumpet?" Und er hat es getan. Und es klingt klasse!
waldar: Aber er war nicht mit auf der Tour?
Jon: Nein, er ist ein schwer beschäftigter Mann.
waldar: Da gibt es auch noch die Zeilen mit 'Thorazine'. Ein Beruhigungsmittel. Irgendwelche Erfahrungen damit?
Jon: (lacht) Nein, nein. Überhaupt nicht... Ich habe Erfahrungen mit 'Seroxat', das ist eine Art... It's a happy Pill, basically. Ich habe es nicht sehr lange genommen, aber... Freunde von mir waren abhängig.
waldar: In "Without MSG..." wiederholt Ihr sehr oft "Everywhere I look is a darkness" und...
Jon: (bestimmt) Das hat nichts mit dieser Shit Shit Band zu tun! (lacht) War das Deine Frage?
waldar: Ja, so in etwa. Es heisst nicht "the darkness" sondern "a darkness", aber es ist eine nette Metapher.
Jon: Ja, das war ein Fehler. Das war einer der Songs die wir noch mit Matt geschrieben haben, er ist in den Credits für den Text. Es ist ein sehr individueller Drum-Beat. Das kam allerdings lange vor dem 'Darkness'-Ding raus...
waldar: Wenn Ihr einen anderen Produzenten als Albini gehabt hättet: Würde man dann einen wirklich grossen Unterschied hören? Wie viel Albini steckt in "The Difference..."?Jon: (überlegt lange) Wir arbeiten in Cardiff mit einem anderen Produzenten - Richard Jackson. Der produziert manche unserer Singles und unserer B-Seiten. Der Sound ist immer ein anderer. Egal, mit welchem Produzenten man zusammenarbeitet, in welchem Raum man ist. Uns geht es darum, live zu spielen und alles klar zu hören! Unsere Art Musik braucht diese Klarheit. Sie muss so verzerrt und schrecklich sein, wie sie ist. Aber man muss sie auch gut hören können. Das kann man überall bekommen. Aber Albini weiss, wie man die Mikros ausrichten muss. Seine Räumlichkeiten sind zweckorientiert. Und er weiss einen ganzen Arschvoll von diesem Streber-Zeug, dass man wissen muss um ein Album aufzunehmen. Er hat daran gearbeitet seit er 17 oder so ist... Er liebt seinen Job. Er ist glücklich mit seinen Magazinen über Verstärker, Transistoren und wasweissich...
waldar: Albini hat mal folgendes in einer Kolumne für Maximum Rock'n'Roll geschrieben. Der Titel war "The Problem with Music":
"Every record I hear these days has incredibly loud, compressed vocals, and a quiet little murmur of a rock band in the background. The excuse given by producers for inflicting such an imbalance on a rock band is that it makes the record sound more like the Beatles. [...] nobody on earth, not with unlimited time and resources, could make the Smashing Pumpkins sound like the Beatles. [...] Why can't people try to sound like the Smashchords or Metal Urbain or Third World War for a change?"
Würdest Du sagen, dass Ihr als Band in diese Sicht auf Musik passt? Also, nicht dass Ihr klingt wie die Beatles, sondern das, worauf Albini hinaus will. Ein eigenständiger, schwer gefälliger Klang.
Jon: Ich passe definitiv in die Kategorie von Leuten, die Musik klasse finden, von denen viele nie gehört haben. Ich kenne diese Bands nicht, die Albini aufzählt. Als ich in Chicago war, habe ich mich ein wenig mit den Bands beschäftigt, die Steve erwähnt hat. Normalerweise habe ich davon dann auch noch nie gehört. Aber wenn solche Bands anfangen, sich in die beschriebene Richtung zu entwickeln, dann sind das in meinen Worten Mainstream-MTV-TopofthePops-Acts. Vergiss den ganzen Dance-Scheiss, davon sprechen wir ja gar nicht. Ich meine jetzt die 'Rock'-Bands. Es ist alles ziemlich beschissen. Sogar die, die man sich eine Weile anhören kann, werden immer und immer wieder gespielt bis einem schlecht wird. Und das hasse ich, it sucks! Bands wie die 'Minutemen', die nur der Musik wegen spielen wollten, hatten nie so eine Art "Lifestyle". Diese Bands, die den "richtigen" Haarschnitt haben, passende Verstärker und Ausstattung: Die haben den Lifestyle. Den "Rock'n'Roll"... Ok, nur zu. Viel Spass dabei!Obwohl: Um ehrlich zu sein, würde ich es lieben mit einem richtigen Tourbus unterwegs zu sein und nicht mit einem Sprinter. Wenn wir uns es leisten könnten...
waldar: Könnt Ihr momentan von der Band leben? Oder laufen da noch Jobs?
Jon: Ich komme über die Runden. Ich kann meine Miete zahlen und ein klein wenig Extra-Ausgaben machen. Gerade genug Extras. Aber damit bin ich total glücklich. Das habe ich gemacht seit ich 16 bin. Ich weiss nicht wie ich das gemacht habe, aber für eine Weile habe ich von 10 Pfund die Woche gelebt. Das war, als ich mit meiner Freundin gelebt habe und sie die Miete bezahlt hat und so. Aber ich habe etwa 6 Monate lang von einem Zehner die Woche gelebt.
waldar: Was ist für Dich das wichtigste, wenn Du auf Tour bist?
Jon: Das wichtigste? Du meinst überhaupt oder was ich bei mir habe?
waldar: Du kannst wählen... Was ist Dir am wichtigsten.
Jon: Im Moment ist das die Erinnerung an einen ganz bestimmten Geruch...
waldar: Aha?
Jon: Ja! (grinst)
waldar: OK. Und das nervigste?
Jon: Das nervigste auf einer Tour kann sein, wenn man zwischen 3 Gigs 36 Stunden fahren muss. Wenn man mit einem Van unterwegs ist, dann ist das sehr hart. In einem Coach kann man während der Fahrt schlafen und sieht vielleicht sogar etwas von der jeweiligen Stadt. Aber so lädt man aus, spielt die Show, lädt ein, fährt zum Hotel und so weiter... Fuck All. Wir haben es heute geschafft, uns den Dom anzusehen. Wir hatten 20 Minuten! Immer dasselbe...
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mclusky
mc lusky - the difference between me and you is that i'm not on fire
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mclusky - to hell with good intentions [
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waldar - 17. Mai, 01:55
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