Dienstag, 11. Mai 2004

interview: the bronx - köln - gebäude 9 - 28.04.2004

"Die Leute kommen nicht zu deiner Show um Jesus zu finden!"


THE BRONX! Nein, nicht New York! Die vier Jungs sind aus Los Angeles. Diese Stadt nennt allerdings auch so einige miese Ecken ihr Eigen. Dazu kommt dann diese unglaubliche Energie, mit der 'The Bronx' landauf - landab die Bühnen rocken. Produziert von Ex-Gunner 'Gilby Clarke', vom NME als heissester Live-Act gestempelt, ein Punkrock-Album erster Sahne hingelegt. Das sind schon genug Dinge um sich mit der Band zu unterhalten.
Bei Ihrem ersten Konzert im Kölner Gebäude 9 gab es daneben dann mal die Gelegenheit für einen Plausch. Und natürlich darf man da auch ruhig mal nach der politischen Lage im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fragen...




waldar: Ja, stellt Euch doch erstmal vor.
Matt: Mein Name ist Matt und ich singe bei 'The Bronx'.
Jobie: Und mein Name ist Jobie und ich spiele Gitarre bei 'The Bronx'.

waldar: Ich habe gehört, dass Ihr Euch mit einer Kollegin von mir bei dem Kreuzrock-Festival in Belgien einen kleinen Spass erlaubt habt... Einer von Euch hat sich als Drummer von Millencolin ausgegeben?
Jobie: Oh ja, das war ich!

waldar: Wegen der Verarsche: Seid Ihr normalerweise ernstere Leute oder habt Ihr viel Spass?
Jobie: Ich wollte sie nicht verarschen, ich bin aus dem Interview rausgegangen weil es bescheuert war. Sie war die ganze Zeit still, ein anderer Typ hat die ganze Zeit geredet weil sie zu nervös war. Und ich hab gesagt ich wäre der Drummer von... fucking...
Matt: Millencolin...

waldar: Okay, ich wollte das eigentlich wissen, weil Eure Musik so ganz anders ist, so wütend, ehrlich und laut... Und deswegen: Seid ihr gewöhnlich die ernsteren Jungs oder habt Spass?
Matt: Wir sind ein Mix. Ich denke nicht, dass ich zu ernst bin. Weisst Du, wir nehmen einige Sachen sehr ernst für die wir hart gearbeitet haben. Aber ich würde nicht sagen, dass wir immer düster sind und alles total ernst nehmen, das würde nicht stimmen. Es sind nur einige Dinge auf die wir stolz sind, die sehr essenziell sind und um die wir uns wirklich kümmern. Die Band ist etwas, das wir sehr ernst nehmen!
Jobie: Ja, ich glaube nicht, dass wir so ernsthafte Leute sind. Wir sind froh hier zu sein und wir sind stolz auf das was wir tun. Aber wir haben viel Spass.

waldar: Das klingt für mich auch wie die Beschreibung Eures Aufnahmeprozesses. Ihr habt das Album doch auch an drei Tagen eingespielt und für jeden Song drei Versuche gemacht. Andere Künstler sperren sich Wochen- oder Monate lang im Studio ein und lassen ein Album perfekt klingen... Und
trotzdem kam bei Eurem Album ein etwas Gutes raus.
Jobie: Danke. Ja, das war das was wir als Band erreichen wollen. Wir haben viel geprobt wenn wir nicht
auf Tour waren. Wenn wir zuhause waren, wir waren eigentlich immer auf Tour. Und deshalb war es für uns auch leicht, das Album schnell einzuspielen. Wir wollten nur sichergehen, dass die Energie der Band erhalten bleibt. Wir kannten die Songs alle in- und auswendig. Wir wollten nicht perfekt klingen und es war egal, wenn wir etwas Mist bauen. Es ging wirklich nur darum, die Energie auf Tape zu bekommen. Was allerdings auch schwer ist. Aber ich glaube, wir haben das gut hinbekommen...

waldar: Du hast ja gerade das massive Touring erwähnt. Eure letzte Tour war zusammen mit 'Danko Jones', dann habt Ihr noch zusammen mit 'Turbonegro', 'The Explosion', 'Hot Hot Heat', 'New Bomb Turks' und einigen anderen gespielt... Die sind ja alle schon wirklich gross und für eine Band, die gerade mal seit zwei Jahren besteht ist das doch bestimmt eine grosse Erfahrung.
Matt: Ja! Alle Tours die wir gemacht haben waren großartig! Die Bands waren alle klasse und jede einzelne hat uns eine Lektion gelehrt. Nun ja, lustige Dinge und ernstere Dinge. Wir waren sehr glücklich, so viel mit Bands zu touren, die nicht nur musikalisch klasse sind sondern auch wirklich nette Menschen sind. Es gibt nichts schlimmeres, als drei Monate mit Leuten unterwegs zu sein, die total angepissed sind. Es war toll, weil die Shows auch alle voll waren. 'Turbonegro', 'Rocket from the Crypt', 'Circle Jerks' und solches Zeug. Ich kann es manchmal nicht so richtig glauben.

waldar: Waren das auch die Bands, die Ihr früher selbst gerne gehört habt oder war das ganze dann immer ein Zufall?
Matt: In einigen Fällen: Ja!
Jobie: Wenn Du mit diesen Bands rausgehst, zu denen man früher aufgesehen hat, dann ist das schon der Hammer mit denen unterwegs zu sein. Sie stehen dann vor dir und spielen den Laden in Grund und Boden. Das ist Wahnsinn!

waldar: Ist Euch das eigentlich wichtiger, live unterwegs zu sein, als zu wissen, dass die Leute zuhause sitzen und sich Eure Musik da reinziehen?
Matt: Das ist wieder ein Mix aus beidem. Ich mag Konzerte. Aber ich bin so glücklich, ein Album draussen zu haben das fertig ist und man etwas für immer hat. Es ist eine Art physischer Beweis deiner eigenen Musik. In der Lage zu sein aufzunehmen ist eine großartige Erfahrung. Live zu spielen ist mit Abstand das Beste, aber ich mag es ins Studio zu gehen, Texte zu schreiben und diesen ganzen Prozess. Das ist sehr herausfordernd aber auch sehr belohnend. Am Ende hast du dein Album in der Hand. Weisst Du, Songs zu schreiben und in einer Band zu sein ist etwas, dass mir sehr gut gefällt. Aber live zu spielen ist einfach immer am Besten... (grinst)
waldar: Das ist das, worüber der 'NME' die ganze Zeit redet. Dass Ihr die momentan beste Live-Band seid.
Jobie: Nääää...
Matt: Das ist so merkwürdig. Bands bekommen so etwas aufgestempelt und... Die Leute kommen nicht zu deiner Show um Jesus zu finden. Ich glaube nicht, dass wir die beste Live-Band sind! Ich weiss auch nicht wie das wäre, uns zu sehen. Abgesehen davon, dass das nicht geht. Aber es ist cool, dass es den Leuten gefällt und sie wegen uns kommen. Aber es gibt kein Script und es nicht an jedem Abend perfekt. Und nur weil die einen Abend wirklich gut finden heisst das nicht: "Best Live Band!" Das ist lächerlich. (lacht)
Ich meine, das ist trotzdem ganz cool, versteh mich nicht falsch.

waldar: Wie war es eigentlich mit Gilby Clarke aufzunehmen? Ihr müsst wissen, Guns'n'Roses waren meine erste richtige musikalische Sozialisation und wenn ich dann lese, dass andere mit diesen "wichtigen" Menschen aufnehmen, dann... Ich weiss nicht. Wie war Euer Eindruck?
Jobie: Das war Wahnsinn! Es ist nicht unbedingt so, wie sich viele Menschen die Arbeit mit einem Produzenten vorstellen. Viele Leute glauben, man ginge mit einem Typen ins Studio der einem die Songs auseinander nimmt und Sachen sagt wie: "Tu dies, Tu das, Lass hier etwas weg" und so. Wir haben uns einfach hingesetzt und besprochen was wir machen wollten. Er hat sich mehr auf die Performance konzentriert. Das war ihm wichtig. Er hat sich zurückgelehnt und nur "Nope!" gesagt. Aber auf die Art, dass ich gemerkt habe: "Okay, I fucked that up!". Und er so: "Doesn't matter!" Das war nicht ernst. Es war interessant für mich, diese Seite zu sehen. Ich denke, Herz und Seele von Musik sind Emotionen und Energie. Abhängig davon, welche Art Band man ist. Und sich mehr darauf zu konzentrieren als auf Perfektion war uns sehr wichtig.

waldar: Hat er Euch gepusht oder Euch die Richtung selbst überlassen?
Matt: Nein, das war eine Art Team-Leistung. Es war cool weil er dem zugehört hat was wir wollten. (lacht dreckig)

In dem Moment kommt Scott (Sänger bei '400 Blows') rein. "Let the pants down, boys! Let him see it"

waldar: Lasst mich was sehen?
Matt: Oh, Scott... Er ist total bekloppt. Aber zurück. Ja, es war mehr das Team-Ding. Gilby wusste, dass wir genau wussten was wir wollen. Er hat uns geholfen da hinzukommen. Es war ein richtiges Easy-Going. Keine Streitigkeiten oder so...

waldar: Das Album dauert ja so ca. 30 Minuten und die Songs sind auch alle sehr kurz. Habt Ihr Euch darauf konzentriert diese Länge einzuhalten? Oder das ein Punk-Rock-Album höchstens 30 Minuten dauern sollte?
Matt: Ich bin kein grosser Fan von langen Songs, es sei denn sie sind wirklich gut!
Jamie: Um einen wirklich langen Song runterzureissen musst du ein ziemlich guter Musiker sein. (grinst) Und ich glaube nicht, dass wir das Talent zu haben, irgendwas in Richtung von sechs Minuten zu spielen. Ich meine, 'Radiohead' können so was machen, aber die Jungs sind auch verdammt talentierte Musiker.

waldar: Könnt Ihr mir ein bisschen was über das Leben in L.A. erzählen? Oder zumindest von dem Teil, in dem 'The Bronx' leben. Ist das ein Platz wie jeder andere auf der Welt, total verrückt oder was? Weil Ihr ja viel Alltag in Euren Songs habt.
Matt: Ja, es ist anders als der Rest der Welt. Viele Leute sehen L.A. als nur eine andere Stadt wie New York. Aber es hat seine eigene Persönlichkeit. In einer Stadt aufzuwachsen und länger darin zu leben bedeutet, zu lernen wie sie funktioniert. L.A. ist das letzte Ressort für viele Menschen. All die, die nichts erreicht haben, packen ihr Taschen um dort hinzugehen. Es gibt Menschen, die sich Jahr für Jahr abmühen und trotzdem nichts erreichen. Es gibt sowas überall, aber in L.A. gibt es eine grössere Akzeptanz für diesen Lifestyle. Jeder ist ein verhinderter Schauspieler, Künstler oder sonst was. Es ist einfach eine sehr merkwürdige Atmosphäre. Die Aussenbezirke von L.A. sind Städte, von denen noch nie jemand gehört hat. Für viele ist L.A. = Downtown, Hollywood und dieser ganze Kram. Es gibt einfach zwei total verschiedene L.A.s: Der innere Bereich und der äußere. Und der äußere existiert unabhängig von Downtown. Und dort bin ich aufgewachsen. Und langsam habe ich ein wenig mit dem Inneren Teil von L.A. zu tun. Ich mag diese Stadt sehr. Es ist abgefucked, aber nach ein paar Jahren erkennt man, dass es etwas besonderes ist. Aufwachsen, Faulheit und die totale Akzeptanz dieses Lifestyles...
Jobie: Es ist verrückt. In dieser Stadt hängen so viele Leute rum, die denken zu wissen wie es ist, berühmt zu sein. Die sich für etwas besseres halten...
waldar: Als Europäer würde es mich mal interessieren, wie es ist, Arnold Schwarzenegger als Gouverneur zu haben.
(lachen beide)
Matt: Das ist abgefahren! Aber ich weiss es gar nicht genau. Wir waren dafür nicht lang genug zuhause um herauszufinden, was da los ist. Im letzten Jahr waren wir gerade mal 2 Monate in L.A., eher nur 1 1/2... Es gibt da keine Crazy-Arnie-Action. Es ist nur fucking lustig! Wer weiss, vielleicht macht er es ja ganz gut...
Jobie: Wir sind durch Huntington Beach gefahren und er hat da Wahlkampf gemacht. Also haben wir angehalten um ihm zuzuhören... Oh mein Gott! Es war total lächerlich. Und am Schluss haben die "We're not gonna take it" gespielt...
Matt: (macht Arnie nach) "I need you to prrrromise meee..."
Jobie: Das ist Politik in Amerika. Es passiert andauernd irgendein Mist...

waldar: Da wollte ich Euch auch drauf ansprechen. Bei Euch stehen doch dieses Jahr Präsidentschaftswahlen an... Habt ihr Erwartungen an einen Regierungswechsel, oder...?
Matt: Das wird interessant werden! Ich weiss nicht, ob jemand Bush schlagen wird, obwohl er gerade eine düstere Wolke über sich hat. Ich werde wahrscheinlich dieses Jahr wählen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht gewählt...

waldar: Seht Ihr denn eine richtige Alternative zu Bush? Weil Kerry ja eigentlich derselbe Typ ist, nur eben nicht so konservativ.
Matt: Tja, ich weiss auch nicht viel über Kerry. Das ist auch so ein Ding, weil wir lange nicht zuhause waren. Nicht lang genug um uns darauf zu konzentrieren... Wenn wir auf Tour sind haben wir ein Hotelzimmer. Du schläfst, schaust die Sportergebnisse an oder machst gar nichts. Gibts da jemanden besseren, Jobie?
Jobie: Ich weiss es nicht. Ich denke, das sich viele Leute darauf konzentrieren was Bush falsch macht, aber es gibt sicherlich ein paar Dinge, die ganz ok waren. Er hat einige verdammt beschissene Entscheidungen getroffen, aber... Das Ding in Amerika ist, dass die Regierung so weit über der Bevölkerung steht. Und ich denke, dass das überall so ist. Aber besonders in den USA wird man niemals wissen können, was los ist. Das ist sehr ernüchternd, denn es lässt dich resignieren. Du willst nichts ändern weil du weisst, dass es nicht geht.
Es ist merkwürdig, weil hinter jedem Gouverneur, jedem Kandidaten, jedem Präsidenten Leute stehen, die auswählen... Leute, die eine Änderung wollen um sich selbst zu bereichern. Zum Beispiel, eine Person mit viel Geld...
waldar: Lobbyisten...
Jobie: Ja, genau. Amerika ist zu grossen Teilen so gestrickt.
Matt: Präsidenten sind so... Du kennst sie nicht wirklich. Das ist so, als wenn du einen Kumpel hast, den du schon lange kennst und eines Abends gehst Du mit ihm in eine Bar und ihr trinkt etwas. Und nach kurzer Zeit ist er in einen Streit verwickelt und schlägt jemandem auf die Fresse... Dann denkst du dir nur: "Whooow. Was war das denn?" Weisst du was ich meine? Du kennst die Leute einfach nur bis zu einem gewissen Punkt. Und z.B. nach 9/11 hat sich jeder gedacht: "Holy Shit, was macht der da? Der dreht durch! Er will jetzt alle drankriegen!" Das war so eine Sache, die dich total überrascht hat... Und: "Verdammt, jetzt müssen wir das aussitzen und das wird nicht gerade angenehm!"
Aber es gibt nicht viel was man tun kann.

(Wir quatschen noch eine weile über US-Politik, den Wahlgang im Jahr 2000, bis Matt die Lösung gefunden zu haben scheint)

Matt: Weisst Du: Politik ist ekelhaft! Jedes Mal wenn du jemand den Rücken zuwendest, passiert irgendein abgefuckter Scheiss!

waldar: OK, lasst uns noch mal kurz zu Eurer Musik zurückkommen: Habt Ihr Pläne für dieses Jahr? In Europa? Zuhause? Asien? Australien?
Matt: Überall! Touren, touren, touren!
Jobie: Nach der Tour hier gehen wir ins United Kingdom. Danach für eine Woche nach Hause. Danach Spanien, Japan, USA. Und dann werden wir die meisten Sommer-Festivals spielen. In Leeds, Reading, das Summersonic in Japan. Dann nach Australien für ein Festival. Yap. Touring, Touring, Touring...
waldar: Bleibt dann noch Zeit für euch übrig? Neben dem Touren?
Matt: Nein, überhaupt nicht...
Jobie: es ist immer schön, zuhause zu sein.
Matt: Ja, aber wenn man eine Weile zuhause ist, dann fällt einem die Decke auf den Kopf!
Jobie: Du bist die ersten vier Tage okay, aber dann denkst du dir: "Ooooooh... Wir müssen wieder raus" Das macht zuhause nicht so schön wie es eigentlich sein sollte, man sollte diese Zeit immer lieben.
Matt: Aber es ist sehr frustrierend, sich im eigenen Haus nicht wohl zu fühlen... (lacht)
Jobie: Man versucht innerhalb weniger Tage 4 Monate aufzuholen, die man versäumt hat. Und dann trifft man diese ganzen Leute, die einem Rechnungen unter die Nase halten... Und deshalb kannst Du es gar nicht erwarten, wieder loszufahren... Ich mag zuhause. Manchmal.


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the bronx
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the bronx - heart attack american [mp3/2,7 mb]
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