Montag, 1. März 2004

interview: cursive - köln - gebäude 9 - 27.02.2004

"Saddle-Creek ist fast zu perfekt!"

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Letztes Jahr war Label-Jahr! Neben Grand Hotel aus Hamburg hat hierzulande (und wohl auch sonst überall) kein anderes Label so viel Aufsehen erregt wie 'Saddle-Creek Records' aus Omaha, Nebraska. Dieses kleine Juwel glänzt seit längerem mit liebevollem Output qualitativ erstklassiger Bands der lokalen Musikszene. Jahrelang unbeachtet von der Musikpresse haben sich die grauen Mäuse bis nach vorne gebissen. Ganz von Anfang an waren 'Cursive' mit dabei. Die Band um Tim Kasher, der mit 'The Good Life' scheinbar noch nicht ausgelastet genug ist, veröffentlicht jetzt schon seit einigen Jahren hörenswerte Musik. Mit ihrem aktuellen Album 'The Ugly Organ' haben Cursive den Hörern einen innovativen Brocken Klang hingeschmissen, der irgendwo zwischen Glücksgefühl und Melancholie, Laut und Still, Ruhig und Energiegeladen einzuordnen wäre. Plus: Gretta Cohn rundet den Gesamteindruck am Cello ab und gibt Cursive eine unvergleichliche Note.
Nun waren Cursive zu Gast beim 'Intro Intim' im Kölner Gebäude 9, zusammen mit 'Tiger Lou', 'Black Cherries' aus Hamburg und 'Aqualung' aus England. Wer eine positive Rezension dieser Bands lesen möchte, der greife bitte zur nächsten 'Intro', damit kann ich an dieser Stelle nicht dienen.
Wer aber nur von Cursive lesen möchte, dem muss ich sagen, dass mich diese Band umgehauen hat! Eine wilde, ekstatische Show, dirigiert von Kasher's Stimme durch alle emotionalen Höhen und Tiefen. In der einen Sekunde leise flüsternd, sofort darauf lauthals schreiend um im Anschluss in ein höhnisches Lachen mit verzerrtem Gesicht zu verfallen. Aber nicht nur er, auch der restliche Teil der Band weiß live zu überzeugen. Selten konnte man eine so gute Umsetzung eines solch komplexen und kompletten Albums erfahren. Gerne wieder!
Vor der Show traf ich einen gut gelaunten Matt Maggin, Bassist bei Cursive, zum Gespräch.


waldar: Ok, wie war Eure Tour bisher? Ihr wart letzte Woche in Großbrittanien?
Matt: Alles war gut! Wir haben 5 Shows in England gespielt, zwei in London. Wir haben die 'Ataris' supported, zusammen mit 'Planes mistaken for stars', eine andere Band aus den USA. Das war gut, eine richtig großartige Band. Wir sind dann vor zwei Tagen nach Amsterdam gekommen, wir haben dann noch in Groningen gespielt. Und das ist das erste unserer Deutschland-Konzerte.

waldar: Ihr existiert jetzt schon relativ lange, seit 1995, und seid diese ganze Zeit über schon ziemlich erfolgreich. Und seit 'The Ugly Organ' geht es hier auch los. Habt Ihr diesen Erfolg erwartet?
Matt: Nein, überhaupt nicht! Wir hatten gehofft gut genug zu sein, um hier reisen und Shows spielen zu können. Aber es ist ein größerer Erfolg als erwartet. Das macht uns glücklich, eine schöne Überraschung.
waldar: So wie momentan alle Saddle-Creek-Acts...
Matt: Ja, es gibt da einige gute Bands.

waldar: Wie funktioniert bei Euch das Songwriting, wie entstehet Eure Musik?
Matt: Normalerweise bringen Tim und Ted die Ideen ein, die Wurzeln für die Stücke. Und wir arbeiten dann daran und versuchen sie zu strukturieren. Abhängig davon, wer von den beiden die Ideen einbringt schreibt dann auch die Texte. Ich glaube, bei den Texten arbeiten sie hier und da zusammen. Vielleicht nicht unbedingt bei einzelnen Formulierungen, aber bei den Themen.

waldar: Und ihr strukturiert dann die Musik um die Texte herum, um sie mehr in den Vordergrund zu bringen?
Matt: Eigentlich komponieren wir die Musik zuerst, also fast instrumental. Zumindest die Melodien,aber die Lyrics werden eigentlich ziemlich am Ende geschrieben.

waldar: Wie habt Ihr Euch persönlich entwickelt, seit 1995, seit der Bandgründung? Seid Ihr gewachsen?
Matt lacht
waldar: Also, nicht in der Größe, aber Charakterlich...
Matt: Ja, schon. Wir haben viel gelernt und viel erlebt. Ich arbeite bei Saddle Creek und das hilft, weil ich beide Seiten verstehe, als Ergebnis des jahrelangen Rumreisens. Ich verstehe, was die Bands denken. Momentan lerne ich die Label-Dinge. Diese Erfahrung hilft der Verständigung untereinander und das ist auch manchmal notwendig.

waldar: Wie ist Gretta Cohn in die Band gekommen? Beziehungsweiese wann; vor zwei Jahren?
Matt: Schon eine Weile her... Ich glaube 3 Jahre, oder 2 1/2 Jahre... 2001! Sie kam ungefähr zu der Zeit vorbei, nahm ein paar Stücke auf und zog dann nach Omaha. Also, wir hatten uns entschieden ein Cello in der Band zu haben. Eigentlich wollten wir auch einen Paukenspieler, also zwei neue Musiker. Wir kauften also diese Pauken und stellten fest, dass sie nicht wirklich vielseitig waren. Man kann sie nicht wirklich in jedem Stück spielen. Also legten wir uns auf das Cello fest. Ted hat Gretta auf Tour mit seiner anderen Band 'Lullaby for the working Class' getroffen. Er erinnerte sich an sie, er wußte, dass sie gut war. Er war es gewohnt in Kontakt mit Musikern zu bleiben, weil er mit 'Lullaby' die größere Anzahl an Musikern hatte. Vor allem Cello, da hatten sie ein paar.
Wir haben sie also kontaktiert und sie in New York getroffen. Wir haben uns alle zusammen getroffen und gut verstanden. Und dann flog sie nach Omaha, um einige Songs für die 'Burst and Bloom' EP aufzunehmen. Vor allem um sie an die Musik zu gewöhnen und zu sehen, ob sie es mag. Und alles hat toll geklappt.
Sie ist sehr talentiert und kreativ, was bei klassisch ausgebildeten Musikern nicht unbedingt selbstverständlich ist. Wir sind wirklich glücklich, das es mit ihr beim ersten Versuch geklappt hat.

waldar: Für mich ist "The Ugly Organ" in gewisser Weise wie ein Theater-Stück, vor allem der Bühnenanweisungen wegen. Ihr habt ja jetzt Eure neue Single veröffentlicht, 'The Recluse'. Wie passen da 'Once' und 'Adapt' in dieses Theater rein?
Matt: Das ist eine gute Frage, weil... Also, technisch gesehen passen sie nicht. Und das war der merkwürdige Teil der Zusammenstellung. Es gab bestimmte Songs, die wir nicht als Single vom Album trennen wollten. Ich glaube, wir würden immer noch nicht einen song vom Album entfernen. Es funktioniert am Besten als Ganzes. Ich mag die beiden B-Seiten, aber sie passen nicht zu den anderen Stücken von 'The Ugly Organ'. Sie wurden nicht zur selben Zeit geschrieben, sie gingen in eine zu experimentelle Richtung, was die Komposition angeht. Sie sind sehr unterschiedlich zu spielen, was eine gute Übung für uns war. Aber sie passen nicht wirklich gut zu den anderen... Lange Geschichte kurz gemacht.

waldar: Welchen Ansatz habt Ihr als Band oder Du persönlich zu Musik. Ist es nur des Musikmachens Willen oder habt ihr einen anderen Anspruch?
Matt: Hm, ja. Gute Frage. Ich glaube, es ändert sich im Laufe der Zeit. Tim und ich sind zusammen aufgewachsen, haben auch schon immer zusammen gespielt und wir haben angefangen, weil wir Musik so sehr geliebt haben. Und wir wollten bei der Entstehung partizipieren. Und das ist wahrscheinlich zu 100 Prozent der grund, warum wir es immer noch tuen. Es sind 100%! Aber man lernt nach einiger Zeit natürlich auch dazu. Man lernt mehr über sich selbst und sein Instrument. Und auch andere Instrumente, wenn du Zeit dazu hast.
waldar: Ist es auch eine Art Selbstreflektion, oder Reflektion des Zusammenlebens?
Matt: Als Teil einer Gruppe? Ja, da kommen soviele Dinge zusammen, sobald du über den ursprünglichen Grund anzufangen hinausgehst. Wenn du auf Tour gehst beginnst du, Menschen häufiger zu sehen. Sie werden Freunde von dir, es ist so eine Club-Venue-Kultur. Weißt du, der Klang ist immer ähnlich. Es wird ein sehr großer Teil deines Lebens, und du willst in bestimmte Städte zurückkehren. Nicht nur um dort zu spielen, sondern auch um Freunde und Bekannte zu treffen. Das ist so die Schnittstelle zwischen der Liebe zur Musik und Freundschaft und Gemeinschaft.

waldar: Du hast ja eben erwähnt, dass Du bei Saddle-Creek arbeitest. Kannst Du erklären, wie Saddle-Creek funktioniert? Ist es wirklich so, dass jeder die Entscheidungen mitträgt oder gibt es doch bestimmte getrennte Tätigkeiten?
Matt: Sagen wir so: es ist ziemlich nah an einem Ideal, zwischen Label und Bands. Und dort zu arbeiten hilft, das Label besser zu verstehen. Ich würde sagen, dass meine Reaktion sich verbessert hat, seit ich dort arbeite. Ich verstehe, wieviele Dinge das Label tut, die es eigentlich gar nicht machen müsste. Der Gewinn von jedem Album wird 50:50 mit den Bands geteilt. Und das tolle ist, dass Tim seine gesamten Kosten mit seinen 50 Prozent deckt. Es gibt also sonst keine Aufwendungen oder so. Sehr ehrliche Abrechnungen, was einfach ungewöhnlich oder gänzlich unbekannt ist im Rest der Welt der Majors. Und sogar unter den Independent-Labels. Rob (Nansel) ist der Besitzer, ich kenne ihn seit ich 7 Jahre alt bin. Tim hat ihr wahrscheinlich um dieselbe Zeit getroffen... Es ist eine Art Familie, für die Band die auf dem Label waren. Wir wuchsen auf und veröffentlichten gegenseitig unsere Sachen, wir waren die einzigen, die unsere Sachen mochten... für eine Weile... (lacht)
Bis jetzt hat auch noch keine Band das Label verlassen und ist woanders hingegangen. Es ist immer noch dasselbe. Ok, wir hatten einige Zeit lang einen anderen Vertrieb hier, zumindest bis wir Saddle-Creek-Europe am Laufen hatten. Und das war die bewusste Entscheidung. Das Label hat Meet-Ins, bei denen 8 oder 9 von uns sind. Ein paar von 'The Faint', 3 von Cursive, Conor von 'Bright Eyes' und ein paar andere, und die diskutieren im Endeffekt die Richtung des Labels. Und Rob diskutiert über alle wichtigen Geschäftsentscheidungen bevor sie gemacht werden mit den Bands. Er involviert die Bands in die Entscheidung, wo Saddle-Creek hingeht, welche neuen Bands gesigned werden. Und wenn dir jemand etwas rät, dann traust du demjenigen, weil sie meistens richtig liegen. Es ist sehr symbiotisch und vor allem aber bizarr, dass es funktioniert. Aber es ist fast zu perfekt... (lacht)

waldar: Kannst Du mir erklären, welche Idee und Motivation hinter der 'Plea for Peace'-Tour steht? Und wofür 'Plea for Peace' steht?
Matt: Oh, in den USA? Plea for Peace ist eine Organisation, gegründet von Mike Park, der 'Asian Man Records' besitzt und betreibt. Das Ziel von PfP ist, ein Jugendzentrum in San Fransisco zu gründen. Weisst Du, obdachlose oder in Schwierigkeiten befindliche Kinder. Er begann diese Tour jährlich zu organisieren. Er hat glaube ich nicht zu viel Geld dafür zusammenbekommen, weil er das Geld am Ende immer an andere wohltätige Organisationen spendet. Das ist der ursprüngliche Grund für PfP. Ich glaube, der Großteil drehte sich um häusliche Gewalt, Gewalt auf der Straße. Nicht so sehr Weltfrieden. Mike und ich haben uns bei einem Konzert in San Fransisco unterhalten. Er wollte eine neue Tour machen, vielleicht etwas kleiner und ohne Corporate Sponsorship. Und die Idee war, eine Wahl-Registrierungsstelle bei jeder Show zu haben (In den USA darf nur an Wahlen teilnehmen, wer sich vorher bei einer Wahlstelle als WählerIn hat registrien lassen.). Offensichtlich gibt es in den USA ein Wahl-Problem bei unter Dreißig-Jährigen. Also, diese Teilnahmslosigkeit los zu werden. Obwohl es offensichtlich ist, ist der Großteil der Amerikaner nicht konservativ, sondern eher liberal. Es ist schwer das zu kategorisieren. Ich glaube, ich traue Politikern nicht genug. Ich weiß, dass es da draußen ein paar gute gibt... Aber was ich sagen möchte: wir sind nicht glücklich damit, wie sich die dinge entwickeln obwohl wir keine politische Band sind. Das ist der Grund warum wir eine Art nicht verbundener Tour gemacht haben. Wir sind nicht in der Position Leuten zu sagen, was sie denken sollen, aber ihnen die Wahl zu ermöglichen. Wir werden niemand sagen, was man zu denken hat. Aber wir wollen, das Leute denken! Nicht unbedingt die nächste Präsidentschaftswahlen, aber vor allem die lokalen Bildungsprobleme. Wir wollen das beste für die Community.

waldar: Wenn ihr so viel tourt und Tim dasselbe mit 'The Good Life' tut, zuhause produziert und aufnehmt: Wie sieht Euer Leben aus, wenn Ihr nicht mit der Musik beschäftigt seid? Habt Ihr noch ein Leben?
Matt: Ja, schon. Wir haben viele gute, enge Freunde zuhause. Wir teilen sie ein wenig, jeder hat die gleichen guten Freunde. Wir hängen ziemlich viel an der bar herum... (lacht) Wir versuchen uns zu erholen, fahren an Seen, segeln und schwimmen. Ich versuche viel Urlaub mit meiner Frau zu verbringen, um von allem wegzukommen. Das ist für uns beide gut!
waldar: Funktioniert das? Oft unterwegs zu sein und eine Ehe zu führen?
Matt: Ja, bestimmt. Es hilft mir als 'beschäftigtem Musiker', diese Person die mich immer nach hause zurückkehren lässt. Ich brenne mich auf Tour nicht aus, weil ich immer zuhause sein möchte. Aber ich genieße es trotzdem, unterwegs zu sein. Es hilft mir, ausgeglichen zu bleiben.

waldar: Wie sehen die Pläne für den Rest des Jahres aus? Die Tour geht weiter?
Matt: Wir haben noch eine Woche von dieser Tour. Danach haben wir 1 1/2 Monate frei und touren danach für Plea for Peace, das sollte lustig werden. Und das war es dann. Wir werden schreiben und aufnehmen, Tim wird mit The Good Life unterwegs sein und wir werden frei sein! Party!


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