interview - marr - köln - underground - 26.02.2004
"Je mehr Musik man hört, desto enger wird der eigene Filter!"
'Marr' kommen aus Hamburg. Schon wieder, oder so. Auch 'Grand Hotel van Cleef'!
Heute: In English, please!
Marr sind Jan Elbeshausen, Oliver Koch, Dennis Becker und Andre Frahm. Die Jungs glänzen alle durch gewisse Seitenprojekte, machen aber mit Marr ein neues Fass abseits der ausgetretenen Indie-Rock-Pfade auf.
Gesundheitlich angeschlagen kam die Band in Köln an, zusammen mit ihrem Support 'Finn'.
Von den dreien kann ich nicht behaupten, sie hätten mich vom Hocker gerissen. Zu ruhig, zu langsam. Ich wollte an diesem Abend etwas anderes. Mir haben Marr gefallen. Mir hat die Energie gefallen, die sie auf der Bühne ausgestrahlt haben. Mir hat vor allen Dingen ihre Musik gefallen. Über alles andere lässt sich streiten. Aber nicht hier und jetzt. Hier ist erst einmal Platz für Gesprächsstoff.
Vor dem Konzert trafen Rino und ich Dennis und Sänger Jan zum Interview. Geschlagene 40 Minuten über das System Marr, Musikverständnis, Hamburg, Europa und die Welt. Und: Das ein oder andere Neue?
Bis zum Ende lesen ist angesagt!
waldar: Wie war die Tour bis jetzt so?
Jan: Tour war echt gut.
Dennis: Also, die Tour ist super gelaufen bisher. Wir haben da nichts großes erwartet. Wir wussten, okay, wir haben ne Platte raus und zwei Wochen später gehen wir auf Tour. Also wir können auch eigentlich gar nichts erwarten, weil alles super ist. Wir haben einen Schnitt von etwa 140 Leuten pro Abend, was echt Ok ist, mal mehr mal weniger. Von der Resonanz her ist es gut. Naja, Jan wird jetzt gerade krank hier. Aber ansonsten super.
Jan: Ja, war alles ein bißchen anstrengend in den letzten Tagen. Grippe und so. Aber ich war heute schon beim Arzt und hab mir ein bißchen was stärkeres geholt.
waldar: Praxis-Gebühr auch direkt bezahlt?
Jan: Ja, aber ich hab irgendwie so ein Formular bekommen, dass mich dann auch in Hamburg bis Quartalsende freistellt.
waldar: Wie läuft Euer Album denn im Moment so. Also, jetzt wo ihr Grand Hotel im Rücken habt?
Dennis: Also, was Medien angeht: Super. Das ist so dasselbe, dass wir keine großen Erwartungen hatten und eigentlich eine völlig unbekannte Band sind, und als kleinen Aufmerksamkeitsfaktor haben, dass Oli und ich bei 'Tomte' spielen. Aber ansonsten sind wir als Band ja relativ unbekannt. Grand Hotel hat halt im letzten Jahr eine gewisse Aufmerksamkeit erfahren und davon profitieren wir natürlich auch. Wir warten ab, wie es läuft. Der Grundnenner, der sich durch alle Kritiken und Reviews durchsetzt ist ja, dass die Platte eigentlich ein Grower ist, die nicht sofort zugänglich ist, sondern dass man es drei-, viermal hören muss um an einen Punkt zu kommen, an dem man sagt, "hey, das ist cool" oder "das ist Scheiße". Das wächst halt so für sich. Ich glaube, das ist auch was, das uns entgegen kommt. Gerade weil wir eine junge Band sind, und wenn das dann gleich knallen würde, dann kann man schnell in Probleme kommen.
waldar: Aber, junge Band? Euch gibt es doch jetzt auch schon zwei, drei Jahre?!
Jan: 2 ½ Jahre.
Dennis: Da ist es was ganz anderes, ob es eine Band zwei Jahre gibt, und die dann eine Seite in der 'Visions', in der 'Spex' oder der 'Intro' hat oder eben nur mal ein Review. Und das ist dann ein anderes Interesse. Guck dir 'Sometree' an. Die haben mit der letzten Platte ein bißchen mehr Platz in der Visions gehabt und haben dadurch eine ganz andere Aufmerksamkeit bekommen. Und die gibt es jetzt, was weiß ich, seit 7 Jahren oder so?
Und das ist schon ein Unterschied. Wir haben zwei EPs raus und das ist unser erstes Album. Andere Bands haben schon 3-4 Alben raus und kriegen jetzt ihren Kick in den Medien.
Jan: Bei uns lief das einfach ziemlich komprimiert, in der Zeit in der es Marr jetzt gibt. Wir hatten schon klare Ziele, was als nächstes passieren soll und haben nicht einfach drauflos gespielt. Sondern wir wussten, wir bereiten das Set vor, damit wir unser erstes Konzert spielen können. Gleich danach ging es dann weiter, dass man mal Stücke aufnimmt. Dann die erste EP. Und so ging das eben stetig weiter.
waldar: Wie hat sich denn Eure Musik so entwickelt, weil Marr für Deutschland ja eigentlich Neuland ist? Welche Platten habt ihr tausendmal gehört, damit ihr so klingt wie ihr klingt?
Dennis: Das lässt sich so gar nicht auf einen Stil festlegen. Das System Marr ist so, dass wir vier Leute sind und eben vier völlig verschiedene Einflüsse haben. Dass sich Sachen komplett neu mischen. Mit der Platte ist jetzt so ein Punkt gefunden worden, an dem man sagt, "Ok, das ist so ein Meilenstein für uns mit dm wir rausgehen können und sagen können, das ist die Musik die wir gerade jetzt machen!". Aber das wird sich immer weiterentwickeln. Es gibt jetzt keine Platte auf die wir uns beziehen würden. Weil das immer nur so ganz geringe Einflüsse sind. Es gab oft zu lesen, wir klingen wie 'van Pelt' und da frage ich mich dann auch: "Häh, haben die auch mal die Platten gehört?". Das einzige, das an van Pelt erinnert, ist die Idee, einen Gesangsstil zu benutzen. Aber nicht, dass das von der Gitarre oder vom Schlagzeug danach klingt, überhaupt nicht. Es ist einfach eine große Mixtur aus vielen Bands. Es gibt keinen Grundnenner bei uns, bei dem wir sagen: "Die Band ist für uns so einflussgebend, dass wir in diese Richtung tendieren."! Wenn ich jetzt Namen wie 'Sonic Youth' nennen würde; ich würde mich fragen, wie viel Sonic Youth auf der neuen Platte drauf sein soll. Da würde ich es vielleicht auf 5 Sekunden zusammenbringen. Mich freut es aber auch, wenn Leute mit einer großen Bandbreite an Musikverständnis zu mir sagen, bei Marr sei es schwierig so eine simple Schublade zu finden. Es wird ja auch schnell gesagt, das sei Emo. Aber Emo ist es eben auch nicht. Das ist Rock oder Indie Rock; das ist alles auf was ich mich reduzieren würde. Dieses ausgeleierte Reden über Schubladen: Mich interessiert das überhaupt nicht ob das NeoPostPunkEmoCoreQuatsch ist. Was soll denn einer damit anfangen. (lacht)
Jan: Es wäre ja wohl auch total irrsinnig zu sagen: "Boah, die und die Platte finde ich geil und lass mal versuchen, so zu klingen." Da wirst Du ja sowieso nicht musikalisch ernst genommen, endest eh als Plagiat. Dann bist Du ewig die Band, die "klingt wie"! Und da bleibst Du dann darin stecken.
rino: Und viele Leute, die schreiben, die machen es sich zu einfach.
Jan: Ja gut, wenn Du schreibst ist es noch mal was anderes. Aber wenn Du dich als Band zu stark auf andere Bands beziehst, dann bist Du immer die Band im Schatten der Band.
waldar: Und Ihr wollt schon einen eigenen Schatten schlagen?!
Jan: Ja, warum nicht? (lacht). Das sollte ja der musikalische Anspruch sein. Für dich eine Form zu finden, wie es dann einfach klingt. Und auf eine Art zu versuchen, dich unverwechselbarer zu machen. Ob es gelingt wird man sehen. Aber, wenn man von vornherein schon so eine Plagiatsschiene fährt, dann bleibst du da einfach gnadenlos stecken und dann interessiert es auch niemanden.
Dennis: Was ich bei den Aufnahmen für die Platte gut fand war, dass man nach dem zweiten Song nicht weiß, wie der 6. oder der 9. klingt. Und dann fragt man sich: "Häh, was machen die denn jetzt?". Das ist auch für mich spannender, dass ich da auch ein bißchen in Musik mit hereinwachsen muss. Das es mich zum einen berührt und zum anderen auch fördert und fordert, damit eine Auseinandersetzung zu haben. Zum Beispiel so was wie Franz Ferdinand finde ich halt lustig, ganz gute Musik. Das hält sich bei mir ein halbes Jahr, da kann man Spaß dran haben. Aber musikalisch interessiert es mich dann nicht mehr. Das ist mein eigener Anspruch an Musik. Immer wieder auch Forderungen daran zu haben. Auf dieses Standard-Sachen, die sich immer wiederholen habe ich einfach keinen Bock mehr, das interessiert mich nicht mehr. Je mehr Musik man hört, desto enger wird der eigene Filter, es kommt immer weniger durch. Früher im Hardcore war das halt immer ein Extrem. Es gab Bands, die waren sehr extrem. Sehr noisig, krachig, brutal, emotional oder so, die haben einen dann berührt. Aber dann war der Bereich auch irgendwann so ausgelutscht, da hat man dann eine 3. oder 4. band gehabt, die genau so klang und dann war das Thema halt durch.
Jan: Ja, und gerade im Hardcore war es ja auch immer so, dass es solche Bands als Eckpfeiler gab, die total geil waren. Aber dann so einen ganzen Rattenschwanz an Provinzbands, die "genau so klangen wie".
waldar: Wie es bei jedem Stil so ist, der zu einer bestimmten Zeit erfolgreich ist. Also, sobald sich das gefestigt hat kommt im Schatten davon so ein ganzer Zug hinterher, der ähnlich klingt oder ähnlich klingen will, aber sich eigentlich nicht durchsetzen kann.
Jan: Und eigentlich ist es so absurd. Keine dieser Bands wird es schaffen, gleichwertig zu klingen oder gleichwertig rezipiert zu werden, wie die Band, die alles losgetreten hat. Von daher ist es eigentlich vergebene Mühe.
Dennis: Das ist hart gesagt, aber es gibt ja auch Entwicklungen innerhalb einer Band, ein erster Schritt.
Kleiner Cut zum Thema 'New York' bzw. 'No New York' bzw. 'Hype', 'Nischen', 'Jugend'. Das würde den Umfang sprengen. Lustig war es allemal!
waldar: Wie ist das denn mit Hamburg und Musik-Szene, wo wir gerade bei New York waren. Ihr habt ja auch alle Eure Seiten-Projekte, andere Bands. Gibt es da eine große Zusammenarbeit, durch die Bank weg und durch die Stile?
Jan: Klar, wenn du aus Hamburg kommst wirst du auch oft auf die Hamburger Schule angesprochen und was es damit auf sich hat. Ob das jetzt irgendwas mit Marr zu tun hätte oder was wir so musikalisch machen. Das war so eine andere Zeit, als das aktuell war. Und was bei uns jetzt aktuell so passiert, das ist so ein bißchen losgelöst davon. Es existiert eine Art Netzwerk, mit anderen Bands und Leuten, mit denen wir einfach zusammenhängen, weil man sich freundschaftlich kennt oder Oli und Dennis dort in einer Band spielen. Oder Andre oder ich. Wie auch immer. Es gibt ein Netzwerk, aber nicht Hamburg generell, Hamburg übergreifend. Es ist immer so ein Konglomerat von ein paar Leuten. Man kennt sich irgendwie schon, aber es passiert nicht so viel.
Dennis: Es gibt so eine Basis, das kann man auch auf das Grand Hotel-Ding reduzieren. Die einfach auf einer freundschaftlichen Art beruht und sich auch austauscht; musikalisch übergreifend. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich so ein Riesen-Fan von der Musik von 'Kettcar' bin, aber ich schätze und respektiere was sie machen, dass sie sich den Arsch aufreißen. Aber es ist unabhängig davon eine freundschaftliche Basis. Und auf der passiert dieser ganze Austausch. Und es gibt andere Bands wie Tigerbeat, die man auch so kennt. Aber es ist nicht so, dass Hamburg eine riesige Familie ist. Und ich glaube auch nicht, dass es so was damals in New York gab. Da gab es bestimmt auch nur einen Klüngel von 10 Leuten, die da etwas aufgebaut haben. Das lässt sich vielleicht vergleichen, aber es ist nicht so, dass das eine Riesen-Suppe ist.
Jan: Und was vielleicht auch ganz interessant ist, wäre, dass wir in unserem Freundeskreis einfach auch viele verschiedene Musikstile mögen, bzw. dass sie da sind. Okay, jetzt weniger Hip Hop, oder? (lacht)
Aber dass es ein vielfältiger Austausch ist, was die Musikstile angeht. Also nicht so, dass jetzt alle ihre Gitarren im Proberaum zupfen, sondern dass es eben in alle Richtungen geht.
Also ich hab noch mal ein Elektroprojekt mit einem Freund von mir, der auch alleine noch seine Klangexperimente macht und dann gibt es da noch eine andere Konstante nach Leipzig wo dann so Elektrogeschichten laufen. Und Dennis macht noch so ein Label nebenbei wo so die obskursten Sachen bei rauskommen?
waldar: Das da heißt?
Dennis: Also, so ein bißchen bin ich da wieder raus, weil ich da keine Zeit mehr zu habe. Das heißt 'Cobretti', da haben wir so Trash-Elektronik, Heim-Elektronik rausgebracht. Mittlerweile ist es aber bei mir so, dass ich Zeitmäßig nichts mehr investieren kann und das jetzt ein Freund weiter macht. Weitermachen will!
Jan: Das finde ich halt eigentlich ganz cool, dass es nicht so eine limitierte Sache ist.
Dennis: Ja, das wäre auch langweilig wenn das so wäre.
rino: Ihr habt ganz am Anfang gesagt, dass ihr das krass findet, die Entwicklung der letzten zwei Jahre, in jeder Zeitung zu stehen und so weiter?
Dennis: Ja, bei Marr gab es am Anfang das gemeinsame Wissen, wir haben alle 10 Jahre lang Musik gemacht, wir kennen das Geschäft, wissen wie es läuft, haben Kontakte. Und wir wussten, auf welcher Ebene man anfangen kann. Und haben gleich gesagt, wir wollen nicht bei Null anfangen, sondern auf Stufe 1.
waldar: Hat das funktioniert?
Dennis: Wir haben überlegt, was für eine Band direkt gut und wichtig ist. Und das ist zum Beispiel eine Booking-Agentur zu haben, die sich um einen kümmert. Je älter man wird, desto mehr wächst man in andere Pflichten herein. Früher haben wir solche Touren selber gebucht, haben rumtelefoniert 3 Monate lang. Und das kann ich mittlerweile nicht mehr, habe ich auch keinen Bock mehr drauf. Weil das ein riesiger Aufwand ist, der alles andere tötet was für mich wichtig ist. Und dann haben wir als ersten Schritt eine Agentur gefunden, darauf basierend ging es dann auch weiter. Und natürlich, wenn du als Band anfängst, weißt du ja manchmal gar nicht, was da so läuft. Und das war die Erfahrung, die wir gemeinsam haben und hatten, die wir auch direkt umgesetzt haben. Das soll jetzt allerdings auch nicht völlig berechnend wirken, sondern wir probieren es einfach. Und es klappt einfach, ich habe auch kein schlechtes Gewissen dabei. Weil nebenbei alle anderen ja auch noch irgendwelche Sachen im Kopf haben. Ein Freund von mir, mit dem ich jahrelang Musik gemacht habe, hat jetzt ein Kind bekommen. Und da hast du natürlich ein ganz anderes Werteverständnis und Verantwortungsbewusstsein für Sachen, dass du keinen Bock mehr hast, in irgendwelchen Sumpflöchern zu spielen für kein Geld. Das nervt irgendwann und daran geht man auch kaputt.
Jan: Aber wir haben natürlich auch immer noch sehr viel, um das wir uns selber kümmern. Also, wenn das Fundament erstmal gelegt ist, was die Tour angeht, ein Label, dass sich um uns kümmert. Was wir da noch versuchen ist, noch einen Schritt weiter zu kommen. Klar, auch Grand Hotel haben ja total viel für sich zu tun und wir denken jetzt nicht so: "Geil, wir lehnen uns zurück. Wir haben ein Label, wir haben eine Booking-Agentur, mach mal jetzt und wir steigen dann ein wenn alles gemacht ist?". Wir versuchen trotzdem alles zu ordnen und alles voran zu treiben. Was kann man auch noch aus der Band herausholen? Wir haben ja auch noch einen anderen Enthusiasmus bei der Sache, da geht alles auch noch ein bißchen schneller.
waldar: Wo geht denn Marr jetzt so hin?
Dennis: Ich würde sagen, das ist jetzt an so einem Punkt, wo wir uns nicht zurücklehnen, aber erstmal warten, was so passiert. Und darauf basierend dann wieder eine Entscheidung treffen können. Wir haben unsere erste Tour für die Platte, die läuft. Dann gibt es ein paar Festivals. Dann gibt es bei uns die Idee, wieder eine EP aufzunehmen, vier Songs, auf der wir uns dann auch austoben und rumprobieren. Und dann wird es auch wieder so kommen, dass wir wieder eine Platte aufnehmen wollen.
rino: Also, ich habe Interviews gelesen und da sagt ihr, das nächste was Ihr macht wird ganz anders klingen. Habt Ihr euch das direkt so vorgeschrieben?
Dennis: Ja, das ist auch gar nicht ausgeschlossen. Ich finde es gibt eine ganz geile Idee, wo ich es ganz gut finde, dass man so etwas für sich offen hat. Man sagt, "Ok, wir haben 'ne Platte". Du hängst mit einem Label zusammen und das will natürlich auch, weil es da Geld rein steckt, was damit verdienen. Aber andersrum können wir auch bei einem anderen Label so EPs machen, wo wir ein bißchen rumexperimentieren oder rumspinnen können, nenn es ruhig so. Das da noch mal was ganz anderes passieren kann. Und das wollen wir uns halt permanent offen halten. Nicht an einer Sache festhalten und uns darauf reduzieren. Dass die nächste Platte genauso klingt wie die jetzige. Den Spaß an der Musik beibehalten wollen. Es ging mir immer um ein extremes Ausreizen, bis es eben nicht mehr geht. Ich habe dann auch irgendwann gelernt, dass es ein Fehler ist, Musik so zu behandeln. Weil man irgendwann an einen destruktiven Punkt kommt, an dem man nur noch Musik macht um sie zu zerstören. Das hat sich dann auch bei mir bei einigen Hardcore-Bands gezeigt, wo es nur noch darum ging, auf der Bühne alles kaputt zu schlagen und Krach zu verunstalten und das war dann irgendwann sinnlos, war absurd. Aber für mich besteht halt immer noch ein Anreiz, noch einen Schritt zu machen und immer wieder neu zu lernen. Es gab halt auch echt so ein paar Überraschungseffekte im Studio, wo ich dachte: "Wow, cool, das ist irgendwie auch drin in unserem Haufen, in der Chemie der Personen untereinander, dieses Potential so auszuschöpfen."
rino: Also Ihr seid mit dem Sound von dem Album völlig zufrieden? Denn die EP-Sachen meintet ihr ja mal, könnte man besser machen.
Dennis: Die EPs waren ja eigentlich Demos. Und bei der Platte haben wir mit einem Produzenten zusammengearbeitet, auf den wir uns verlassen konnten, von dem wir wussten dass er was Gutes draus machen wird. Aber wir wussten halt nicht, ob das vielleicht nach hinten losgeht, weil er halt schon in so 'ne poppigere Richtung geht. Und diese Platte kratzt zum Beispiel nicht so sehr, wie diese EP-Sachen...
rino: Aber wenn man im Aufnahmeprozess ist, hat man noch nicht so ein Bild davon?
Dennis: Absolut nicht!
rino: Und jetzt, Monate später findet man das dann klasse?
Dennis: Also, ich bin da einfach zufrieden mit und ich weiß, dass ich für mich sagen kann stolz zu sein, das unter diesen widrigen Umständen geschafft zu haben. Oli und ich spielen ja noch bei einer andren Band, sind da auch zeitmäßig ziemlich eingespannt. Aber wir können echt sagen, wir haben alles dafür gegeben und wir sind sehr zufrieden damit. Es gab kein Part, keine Stelle an der wir dachten, es ist alles scheiße. Da kam ja nicht nur die Musik, sondern auch Cover, Artwork, all dieser Krempel wo wir auch mit anderen Leuten zusammengearbeitet haben. Und wir haben für den Moment für uns das Beste herausgeholt aus der Situation!
waldar: Du hast ja auch gerade das "Seitenprojekt" von Marr erwähnt. Ist jetzt auch ein bißchen unpassender Wechsel, sag Bescheid wenn die Frage stört. Am Dienstag spielt Ihr hier in Köln bei 'Monsters of Rocco', dem Benefiz zu Gunsten der Kinder von 'Rocco Clein'.
Dennis: Da spielen wir mit Tomte, ja!
waldar: War das direkt klar? Da spielen wir, keine Frage!
Dennis: Ja! Das war eine Sache wo wir wussten, der ist ein guter Freund von uns, den ich auch bestimmt schon seit fünf Jahren kenne. Und da war uns klar, wir haben die Möglichkeit. Wir hätten eigentlich sonst mit Marr in Bremen gespielt. Wir haben gesagt, wir machen das, das ist das Beste was wir noch für die Familie tun können und haben das Konzert abgesagt und spielen da mit Tomte. Absolut kein Thema. Es gab da auch innerhalb der Band keine Diskussion darüber. Und jetzt sind wir Dienstag eben da!
rino: Ihr habt doch auch englische Texte. Seht Ihr das auch als Chance an, außerhalb von Deutschland zu spielen?
Dennis: Absolut ja! Ich hab auch daran Blut geleckt, im Ausland zu touren. Ich hab in Europa schon mehrere Länder kennen gelernt, wir waren auch in den USA. Ich finde das für mich persönlich reizvoll und warum nicht? Wäre auch Quatsch, wenn man so einen Anspruch für sich selber nicht stellen würde. Und das Label, Grand Hotel, sagen halt auch, dass das für sie super ist so eine Band zu haben. Die natürlich im Ausland als deutsche englischsprachige Band immer einen schwereren Stand hat, als eine Band aus den USA oder Kanada, aber das ist halt reizvoll.
waldar: Ja, aber jetzt direkt zu sagen, eine englischsprachige Band aus Deutschland gleich schwer. Es gibt ja verschiedene Bands aus Deutschland, die auch in Europa und darüber hinaus erfolgreich sind wie 'The Robocop Kraus' oder 'Pale', die 'Donots' und die 'Beatsteaks'.
Jan: Ja, nee, das ist ja auch eine Sache, auf die wir Bock haben. Warum nicht? Ich würde mich drüber freuen, auch in England zu touren. Und das freut mich auch für Robocop Kraus, dass die jetzt noch weitergehen können und auch hier einen Status erreichen, wo es hier auch bestimmt Neider gibt. Und wenn das bei uns auch klappen könnte?
rino: Und wo wird die Platte dann veröffentlicht?
Jan: Meinst Du international?
Dennis: Also, da sind ein paar Sachen am laufen, aber es gibt da halt nichts spruchreifes, gar nichts. Da ist etwas im Gang, dass sich aufbaut und wir gucken auch, was für uns sinnvoll erscheint. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten von denen man aber mit einer gewissen Erfahrung weiß, dass es von vornherein nichts bringt. Genauso wie zu sagen, wir gehen in Frankreich 3 Wochen auf Tour, wenn uns da niemand kennt und wir da nicht einmal einen Vertrieb haben. Das ist so, wie man früher mit Punkbands durch die Gegend gefahren ist. Das macht zwar auch Spaß, aber du spielst jeden Abend vor 20 Leuten. Da hört es dann auf. Ich habe auch genug Ami-Bands gesehen, die sich nach einer Europa-Tour aufgelöst haben. Die ich gefahren hab, Italien oder irgendwas. Und die waren richtig pissed. Und irgendwann schnallt man das auch. Warum soll man im Ausland spielen, wenn die da einfach niemand kennt. Und du bist natürlich an Marktsachen gebunden, wenn du deine Familie davon ernähren willst.
Jan: Da ist natürlich die Idee, nicht alleine loszufahren. In einem Land, in dem die Platte noch nicht einmal raus ist.
waldar: Gibt es da irgendwen bei dem ihr sagen würdet, wenn wir könnten, dann würden wir gerne mit der oder der Band?
Jan: Also, wenn wir im Ausland touren würden, dann natürlich nur als Support von einer größeren Band. Wie gesagt, unsere Platte ist da nicht erhältlich und uns bemerkbar zu machen würde einfach nur über diese Schiene laufen. Weiß ich nicht?
Dennis: Keine Ahnung. Es gab ja schon mal Angebote. Über bestimmte Kontakte die man hat. Da wurde dann eben solcher Quatsch angeboten wie... Wie hießen die noch mal? Diese ganz schlimme Band... 'JJ 72'! Und 'Nada Surf' gab es auch mal, als Angebot. Die zu supporten, fünf Tage lang, unangekündigt. Das kann manchmal gut sein, das kann auch schlecht sein. Ich hab mal Kettcar gefahren, da haben die Support für 'Bad Religion' gemacht. Die haben gespielt, während die Leute rein gelassen wurden. Das ist natürlich Müll, totaler Mist. Das war für mich interessant, weil man sieht, wie routiniert die sind und was das für ein Industriekomplex ist. So eine Band, das ist der Wahnsinn. Und das würden wir für uns echt abwägen. Aber da gibt es nicht so DIE Band, mit der wir touren wollen.
Wie gesagt, es gab da Angebote, bei denen wir aber gesagt haben, das wollen wir nicht.
waldar: Jan, was läuft jetzt eigentlich noch mit 'The Dance Inc.'?
Jan: Also, als nächstes werden wir ein paar Sachen in Hamburg spielen, dann werden wir ein paar neue Stücke machen. Da haben wir auch schon was. Wie gesagt, wir touren erstmal mit Marr und danach ist dann Zeit, sich der anderen Sache zu widmen. Und dann machen wir es wie mit Marr. Wir suchen uns vier Stücke aus und pressen dann eine CD/EP, die wir dann mit Pappcover erstmal versuchen werden, den Leuten unter zu jubeln.
rino: "Nimm mal, is geil!"
Jan: Ja, genau! (lacht und hustet gleichzeitig)
Und das wird dann auch über ein Label laufen, auf dem auch die 7inches... Ich kann gerade nicht mehr sprechen... 'Audiolith Records'. Und dann natürlich auch eine Platte aufnehmen und touren.
Wir sprechen jetzt noch kurz über die Bürgerschaftswahlen in Hamburg und fünf gleich große Haufen bzw. ein riesiger Haufen Scheiße, die zur Wahl stehen.
waldar: Ok, Dankeschön für Eure Zeit.
Dennis: Dank dir, viel Spaß draußen...
mehr infos:
marr
marr - express and take shape
the dance inc.
tomte
olli schulz und der hund marie
grandhotel van cleef
cobretti
audiolith
lies den gesammelten wahnsinn auf smash-mag.com
'Marr' kommen aus Hamburg. Schon wieder, oder so. Auch 'Grand Hotel van Cleef'! Heute: In English, please!
Marr sind Jan Elbeshausen, Oliver Koch, Dennis Becker und Andre Frahm. Die Jungs glänzen alle durch gewisse Seitenprojekte, machen aber mit Marr ein neues Fass abseits der ausgetretenen Indie-Rock-Pfade auf.
Gesundheitlich angeschlagen kam die Band in Köln an, zusammen mit ihrem Support 'Finn'.
Von den dreien kann ich nicht behaupten, sie hätten mich vom Hocker gerissen. Zu ruhig, zu langsam. Ich wollte an diesem Abend etwas anderes. Mir haben Marr gefallen. Mir hat die Energie gefallen, die sie auf der Bühne ausgestrahlt haben. Mir hat vor allen Dingen ihre Musik gefallen. Über alles andere lässt sich streiten. Aber nicht hier und jetzt. Hier ist erst einmal Platz für Gesprächsstoff.
Vor dem Konzert trafen Rino und ich Dennis und Sänger Jan zum Interview. Geschlagene 40 Minuten über das System Marr, Musikverständnis, Hamburg, Europa und die Welt. Und: Das ein oder andere Neue?
Bis zum Ende lesen ist angesagt!
waldar: Wie war die Tour bis jetzt so?
Jan: Tour war echt gut.
Dennis: Also, die Tour ist super gelaufen bisher. Wir haben da nichts großes erwartet. Wir wussten, okay, wir haben ne Platte raus und zwei Wochen später gehen wir auf Tour. Also wir können auch eigentlich gar nichts erwarten, weil alles super ist. Wir haben einen Schnitt von etwa 140 Leuten pro Abend, was echt Ok ist, mal mehr mal weniger. Von der Resonanz her ist es gut. Naja, Jan wird jetzt gerade krank hier. Aber ansonsten super.
Jan: Ja, war alles ein bißchen anstrengend in den letzten Tagen. Grippe und so. Aber ich war heute schon beim Arzt und hab mir ein bißchen was stärkeres geholt.
waldar: Praxis-Gebühr auch direkt bezahlt?
Jan: Ja, aber ich hab irgendwie so ein Formular bekommen, dass mich dann auch in Hamburg bis Quartalsende freistellt.
waldar: Wie läuft Euer Album denn im Moment so. Also, jetzt wo ihr Grand Hotel im Rücken habt?Dennis: Also, was Medien angeht: Super. Das ist so dasselbe, dass wir keine großen Erwartungen hatten und eigentlich eine völlig unbekannte Band sind, und als kleinen Aufmerksamkeitsfaktor haben, dass Oli und ich bei 'Tomte' spielen. Aber ansonsten sind wir als Band ja relativ unbekannt. Grand Hotel hat halt im letzten Jahr eine gewisse Aufmerksamkeit erfahren und davon profitieren wir natürlich auch. Wir warten ab, wie es läuft. Der Grundnenner, der sich durch alle Kritiken und Reviews durchsetzt ist ja, dass die Platte eigentlich ein Grower ist, die nicht sofort zugänglich ist, sondern dass man es drei-, viermal hören muss um an einen Punkt zu kommen, an dem man sagt, "hey, das ist cool" oder "das ist Scheiße". Das wächst halt so für sich. Ich glaube, das ist auch was, das uns entgegen kommt. Gerade weil wir eine junge Band sind, und wenn das dann gleich knallen würde, dann kann man schnell in Probleme kommen.
waldar: Aber, junge Band? Euch gibt es doch jetzt auch schon zwei, drei Jahre?!
Jan: 2 ½ Jahre.
Dennis: Da ist es was ganz anderes, ob es eine Band zwei Jahre gibt, und die dann eine Seite in der 'Visions', in der 'Spex' oder der 'Intro' hat oder eben nur mal ein Review. Und das ist dann ein anderes Interesse. Guck dir 'Sometree' an. Die haben mit der letzten Platte ein bißchen mehr Platz in der Visions gehabt und haben dadurch eine ganz andere Aufmerksamkeit bekommen. Und die gibt es jetzt, was weiß ich, seit 7 Jahren oder so?
Und das ist schon ein Unterschied. Wir haben zwei EPs raus und das ist unser erstes Album. Andere Bands haben schon 3-4 Alben raus und kriegen jetzt ihren Kick in den Medien.
Jan: Bei uns lief das einfach ziemlich komprimiert, in der Zeit in der es Marr jetzt gibt. Wir hatten schon klare Ziele, was als nächstes passieren soll und haben nicht einfach drauflos gespielt. Sondern wir wussten, wir bereiten das Set vor, damit wir unser erstes Konzert spielen können. Gleich danach ging es dann weiter, dass man mal Stücke aufnimmt. Dann die erste EP. Und so ging das eben stetig weiter.
waldar: Wie hat sich denn Eure Musik so entwickelt, weil Marr für Deutschland ja eigentlich Neuland ist? Welche Platten habt ihr tausendmal gehört, damit ihr so klingt wie ihr klingt?
Dennis: Das lässt sich so gar nicht auf einen Stil festlegen. Das System Marr ist so, dass wir vier Leute sind und eben vier völlig verschiedene Einflüsse haben. Dass sich Sachen komplett neu mischen. Mit der Platte ist jetzt so ein Punkt gefunden worden, an dem man sagt, "Ok, das ist so ein Meilenstein für uns mit dm wir rausgehen können und sagen können, das ist die Musik die wir gerade jetzt machen!". Aber das wird sich immer weiterentwickeln. Es gibt jetzt keine Platte auf die wir uns beziehen würden. Weil das immer nur so ganz geringe Einflüsse sind. Es gab oft zu lesen, wir klingen wie 'van Pelt' und da frage ich mich dann auch: "Häh, haben die auch mal die Platten gehört?". Das einzige, das an van Pelt erinnert, ist die Idee, einen Gesangsstil zu benutzen. Aber nicht, dass das von der Gitarre oder vom Schlagzeug danach klingt, überhaupt nicht. Es ist einfach eine große Mixtur aus vielen Bands. Es gibt keinen Grundnenner bei uns, bei dem wir sagen: "Die Band ist für uns so einflussgebend, dass wir in diese Richtung tendieren."! Wenn ich jetzt Namen wie 'Sonic Youth' nennen würde; ich würde mich fragen, wie viel Sonic Youth auf der neuen Platte drauf sein soll. Da würde ich es vielleicht auf 5 Sekunden zusammenbringen. Mich freut es aber auch, wenn Leute mit einer großen Bandbreite an Musikverständnis zu mir sagen, bei Marr sei es schwierig so eine simple Schublade zu finden. Es wird ja auch schnell gesagt, das sei Emo. Aber Emo ist es eben auch nicht. Das ist Rock oder Indie Rock; das ist alles auf was ich mich reduzieren würde. Dieses ausgeleierte Reden über Schubladen: Mich interessiert das überhaupt nicht ob das NeoPostPunkEmoCoreQuatsch ist. Was soll denn einer damit anfangen. (lacht)Jan: Es wäre ja wohl auch total irrsinnig zu sagen: "Boah, die und die Platte finde ich geil und lass mal versuchen, so zu klingen." Da wirst Du ja sowieso nicht musikalisch ernst genommen, endest eh als Plagiat. Dann bist Du ewig die Band, die "klingt wie"! Und da bleibst Du dann darin stecken.
rino: Und viele Leute, die schreiben, die machen es sich zu einfach.
Jan: Ja gut, wenn Du schreibst ist es noch mal was anderes. Aber wenn Du dich als Band zu stark auf andere Bands beziehst, dann bist Du immer die Band im Schatten der Band.
waldar: Und Ihr wollt schon einen eigenen Schatten schlagen?!
Jan: Ja, warum nicht? (lacht). Das sollte ja der musikalische Anspruch sein. Für dich eine Form zu finden, wie es dann einfach klingt. Und auf eine Art zu versuchen, dich unverwechselbarer zu machen. Ob es gelingt wird man sehen. Aber, wenn man von vornherein schon so eine Plagiatsschiene fährt, dann bleibst du da einfach gnadenlos stecken und dann interessiert es auch niemanden.
Dennis: Was ich bei den Aufnahmen für die Platte gut fand war, dass man nach dem zweiten Song nicht weiß, wie der 6. oder der 9. klingt. Und dann fragt man sich: "Häh, was machen die denn jetzt?". Das ist auch für mich spannender, dass ich da auch ein bißchen in Musik mit hereinwachsen muss. Das es mich zum einen berührt und zum anderen auch fördert und fordert, damit eine Auseinandersetzung zu haben. Zum Beispiel so was wie Franz Ferdinand finde ich halt lustig, ganz gute Musik. Das hält sich bei mir ein halbes Jahr, da kann man Spaß dran haben. Aber musikalisch interessiert es mich dann nicht mehr. Das ist mein eigener Anspruch an Musik. Immer wieder auch Forderungen daran zu haben. Auf dieses Standard-Sachen, die sich immer wiederholen habe ich einfach keinen Bock mehr, das interessiert mich nicht mehr. Je mehr Musik man hört, desto enger wird der eigene Filter, es kommt immer weniger durch. Früher im Hardcore war das halt immer ein Extrem. Es gab Bands, die waren sehr extrem. Sehr noisig, krachig, brutal, emotional oder so, die haben einen dann berührt. Aber dann war der Bereich auch irgendwann so ausgelutscht, da hat man dann eine 3. oder 4. band gehabt, die genau so klang und dann war das Thema halt durch.
Jan: Ja, und gerade im Hardcore war es ja auch immer so, dass es solche Bands als Eckpfeiler gab, die total geil waren. Aber dann so einen ganzen Rattenschwanz an Provinzbands, die "genau so klangen wie".
waldar: Wie es bei jedem Stil so ist, der zu einer bestimmten Zeit erfolgreich ist. Also, sobald sich das gefestigt hat kommt im Schatten davon so ein ganzer Zug hinterher, der ähnlich klingt oder ähnlich klingen will, aber sich eigentlich nicht durchsetzen kann.
Jan: Und eigentlich ist es so absurd. Keine dieser Bands wird es schaffen, gleichwertig zu klingen oder gleichwertig rezipiert zu werden, wie die Band, die alles losgetreten hat. Von daher ist es eigentlich vergebene Mühe.
Dennis: Das ist hart gesagt, aber es gibt ja auch Entwicklungen innerhalb einer Band, ein erster Schritt.
Kleiner Cut zum Thema 'New York' bzw. 'No New York' bzw. 'Hype', 'Nischen', 'Jugend'. Das würde den Umfang sprengen. Lustig war es allemal!
waldar: Wie ist das denn mit Hamburg und Musik-Szene, wo wir gerade bei New York waren. Ihr habt ja auch alle Eure Seiten-Projekte, andere Bands. Gibt es da eine große Zusammenarbeit, durch die Bank weg und durch die Stile?
Jan: Klar, wenn du aus Hamburg kommst wirst du auch oft auf die Hamburger Schule angesprochen und was es damit auf sich hat. Ob das jetzt irgendwas mit Marr zu tun hätte oder was wir so musikalisch machen. Das war so eine andere Zeit, als das aktuell war. Und was bei uns jetzt aktuell so passiert, das ist so ein bißchen losgelöst davon. Es existiert eine Art Netzwerk, mit anderen Bands und Leuten, mit denen wir einfach zusammenhängen, weil man sich freundschaftlich kennt oder Oli und Dennis dort in einer Band spielen. Oder Andre oder ich. Wie auch immer. Es gibt ein Netzwerk, aber nicht Hamburg generell, Hamburg übergreifend. Es ist immer so ein Konglomerat von ein paar Leuten. Man kennt sich irgendwie schon, aber es passiert nicht so viel.Dennis: Es gibt so eine Basis, das kann man auch auf das Grand Hotel-Ding reduzieren. Die einfach auf einer freundschaftlichen Art beruht und sich auch austauscht; musikalisch übergreifend. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich so ein Riesen-Fan von der Musik von 'Kettcar' bin, aber ich schätze und respektiere was sie machen, dass sie sich den Arsch aufreißen. Aber es ist unabhängig davon eine freundschaftliche Basis. Und auf der passiert dieser ganze Austausch. Und es gibt andere Bands wie Tigerbeat, die man auch so kennt. Aber es ist nicht so, dass Hamburg eine riesige Familie ist. Und ich glaube auch nicht, dass es so was damals in New York gab. Da gab es bestimmt auch nur einen Klüngel von 10 Leuten, die da etwas aufgebaut haben. Das lässt sich vielleicht vergleichen, aber es ist nicht so, dass das eine Riesen-Suppe ist.
Jan: Und was vielleicht auch ganz interessant ist, wäre, dass wir in unserem Freundeskreis einfach auch viele verschiedene Musikstile mögen, bzw. dass sie da sind. Okay, jetzt weniger Hip Hop, oder? (lacht)
Aber dass es ein vielfältiger Austausch ist, was die Musikstile angeht. Also nicht so, dass jetzt alle ihre Gitarren im Proberaum zupfen, sondern dass es eben in alle Richtungen geht.
Also ich hab noch mal ein Elektroprojekt mit einem Freund von mir, der auch alleine noch seine Klangexperimente macht und dann gibt es da noch eine andere Konstante nach Leipzig wo dann so Elektrogeschichten laufen. Und Dennis macht noch so ein Label nebenbei wo so die obskursten Sachen bei rauskommen?
waldar: Das da heißt?
Dennis: Also, so ein bißchen bin ich da wieder raus, weil ich da keine Zeit mehr zu habe. Das heißt 'Cobretti', da haben wir so Trash-Elektronik, Heim-Elektronik rausgebracht. Mittlerweile ist es aber bei mir so, dass ich Zeitmäßig nichts mehr investieren kann und das jetzt ein Freund weiter macht. Weitermachen will!
Jan: Das finde ich halt eigentlich ganz cool, dass es nicht so eine limitierte Sache ist.
Dennis: Ja, das wäre auch langweilig wenn das so wäre.
rino: Ihr habt ganz am Anfang gesagt, dass ihr das krass findet, die Entwicklung der letzten zwei Jahre, in jeder Zeitung zu stehen und so weiter?
Dennis: Ja, bei Marr gab es am Anfang das gemeinsame Wissen, wir haben alle 10 Jahre lang Musik gemacht, wir kennen das Geschäft, wissen wie es läuft, haben Kontakte. Und wir wussten, auf welcher Ebene man anfangen kann. Und haben gleich gesagt, wir wollen nicht bei Null anfangen, sondern auf Stufe 1.
waldar: Hat das funktioniert?
Dennis: Wir haben überlegt, was für eine Band direkt gut und wichtig ist. Und das ist zum Beispiel eine Booking-Agentur zu haben, die sich um einen kümmert. Je älter man wird, desto mehr wächst man in andere Pflichten herein. Früher haben wir solche Touren selber gebucht, haben rumtelefoniert 3 Monate lang. Und das kann ich mittlerweile nicht mehr, habe ich auch keinen Bock mehr drauf. Weil das ein riesiger Aufwand ist, der alles andere tötet was für mich wichtig ist. Und dann haben wir als ersten Schritt eine Agentur gefunden, darauf basierend ging es dann auch weiter. Und natürlich, wenn du als Band anfängst, weißt du ja manchmal gar nicht, was da so läuft. Und das war die Erfahrung, die wir gemeinsam haben und hatten, die wir auch direkt umgesetzt haben. Das soll jetzt allerdings auch nicht völlig berechnend wirken, sondern wir probieren es einfach. Und es klappt einfach, ich habe auch kein schlechtes Gewissen dabei. Weil nebenbei alle anderen ja auch noch irgendwelche Sachen im Kopf haben. Ein Freund von mir, mit dem ich jahrelang Musik gemacht habe, hat jetzt ein Kind bekommen. Und da hast du natürlich ein ganz anderes Werteverständnis und Verantwortungsbewusstsein für Sachen, dass du keinen Bock mehr hast, in irgendwelchen Sumpflöchern zu spielen für kein Geld. Das nervt irgendwann und daran geht man auch kaputt.
Jan: Aber wir haben natürlich auch immer noch sehr viel, um das wir uns selber kümmern. Also, wenn das Fundament erstmal gelegt ist, was die Tour angeht, ein Label, dass sich um uns kümmert. Was wir da noch versuchen ist, noch einen Schritt weiter zu kommen. Klar, auch Grand Hotel haben ja total viel für sich zu tun und wir denken jetzt nicht so: "Geil, wir lehnen uns zurück. Wir haben ein Label, wir haben eine Booking-Agentur, mach mal jetzt und wir steigen dann ein wenn alles gemacht ist?". Wir versuchen trotzdem alles zu ordnen und alles voran zu treiben. Was kann man auch noch aus der Band herausholen? Wir haben ja auch noch einen anderen Enthusiasmus bei der Sache, da geht alles auch noch ein bißchen schneller.waldar: Wo geht denn Marr jetzt so hin?
Dennis: Ich würde sagen, das ist jetzt an so einem Punkt, wo wir uns nicht zurücklehnen, aber erstmal warten, was so passiert. Und darauf basierend dann wieder eine Entscheidung treffen können. Wir haben unsere erste Tour für die Platte, die läuft. Dann gibt es ein paar Festivals. Dann gibt es bei uns die Idee, wieder eine EP aufzunehmen, vier Songs, auf der wir uns dann auch austoben und rumprobieren. Und dann wird es auch wieder so kommen, dass wir wieder eine Platte aufnehmen wollen.
rino: Also, ich habe Interviews gelesen und da sagt ihr, das nächste was Ihr macht wird ganz anders klingen. Habt Ihr euch das direkt so vorgeschrieben?
Dennis: Ja, das ist auch gar nicht ausgeschlossen. Ich finde es gibt eine ganz geile Idee, wo ich es ganz gut finde, dass man so etwas für sich offen hat. Man sagt, "Ok, wir haben 'ne Platte". Du hängst mit einem Label zusammen und das will natürlich auch, weil es da Geld rein steckt, was damit verdienen. Aber andersrum können wir auch bei einem anderen Label so EPs machen, wo wir ein bißchen rumexperimentieren oder rumspinnen können, nenn es ruhig so. Das da noch mal was ganz anderes passieren kann. Und das wollen wir uns halt permanent offen halten. Nicht an einer Sache festhalten und uns darauf reduzieren. Dass die nächste Platte genauso klingt wie die jetzige. Den Spaß an der Musik beibehalten wollen. Es ging mir immer um ein extremes Ausreizen, bis es eben nicht mehr geht. Ich habe dann auch irgendwann gelernt, dass es ein Fehler ist, Musik so zu behandeln. Weil man irgendwann an einen destruktiven Punkt kommt, an dem man nur noch Musik macht um sie zu zerstören. Das hat sich dann auch bei mir bei einigen Hardcore-Bands gezeigt, wo es nur noch darum ging, auf der Bühne alles kaputt zu schlagen und Krach zu verunstalten und das war dann irgendwann sinnlos, war absurd. Aber für mich besteht halt immer noch ein Anreiz, noch einen Schritt zu machen und immer wieder neu zu lernen. Es gab halt auch echt so ein paar Überraschungseffekte im Studio, wo ich dachte: "Wow, cool, das ist irgendwie auch drin in unserem Haufen, in der Chemie der Personen untereinander, dieses Potential so auszuschöpfen."
rino: Also Ihr seid mit dem Sound von dem Album völlig zufrieden? Denn die EP-Sachen meintet ihr ja mal, könnte man besser machen.
Dennis: Die EPs waren ja eigentlich Demos. Und bei der Platte haben wir mit einem Produzenten zusammengearbeitet, auf den wir uns verlassen konnten, von dem wir wussten dass er was Gutes draus machen wird. Aber wir wussten halt nicht, ob das vielleicht nach hinten losgeht, weil er halt schon in so 'ne poppigere Richtung geht. Und diese Platte kratzt zum Beispiel nicht so sehr, wie diese EP-Sachen...
rino: Aber wenn man im Aufnahmeprozess ist, hat man noch nicht so ein Bild davon?
Dennis: Absolut nicht!
rino: Und jetzt, Monate später findet man das dann klasse?
Dennis: Also, ich bin da einfach zufrieden mit und ich weiß, dass ich für mich sagen kann stolz zu sein, das unter diesen widrigen Umständen geschafft zu haben. Oli und ich spielen ja noch bei einer andren Band, sind da auch zeitmäßig ziemlich eingespannt. Aber wir können echt sagen, wir haben alles dafür gegeben und wir sind sehr zufrieden damit. Es gab kein Part, keine Stelle an der wir dachten, es ist alles scheiße. Da kam ja nicht nur die Musik, sondern auch Cover, Artwork, all dieser Krempel wo wir auch mit anderen Leuten zusammengearbeitet haben. Und wir haben für den Moment für uns das Beste herausgeholt aus der Situation!waldar: Du hast ja auch gerade das "Seitenprojekt" von Marr erwähnt. Ist jetzt auch ein bißchen unpassender Wechsel, sag Bescheid wenn die Frage stört. Am Dienstag spielt Ihr hier in Köln bei 'Monsters of Rocco', dem Benefiz zu Gunsten der Kinder von 'Rocco Clein'.
Dennis: Da spielen wir mit Tomte, ja!
waldar: War das direkt klar? Da spielen wir, keine Frage!
Dennis: Ja! Das war eine Sache wo wir wussten, der ist ein guter Freund von uns, den ich auch bestimmt schon seit fünf Jahren kenne. Und da war uns klar, wir haben die Möglichkeit. Wir hätten eigentlich sonst mit Marr in Bremen gespielt. Wir haben gesagt, wir machen das, das ist das Beste was wir noch für die Familie tun können und haben das Konzert abgesagt und spielen da mit Tomte. Absolut kein Thema. Es gab da auch innerhalb der Band keine Diskussion darüber. Und jetzt sind wir Dienstag eben da!
rino: Ihr habt doch auch englische Texte. Seht Ihr das auch als Chance an, außerhalb von Deutschland zu spielen?
Dennis: Absolut ja! Ich hab auch daran Blut geleckt, im Ausland zu touren. Ich hab in Europa schon mehrere Länder kennen gelernt, wir waren auch in den USA. Ich finde das für mich persönlich reizvoll und warum nicht? Wäre auch Quatsch, wenn man so einen Anspruch für sich selber nicht stellen würde. Und das Label, Grand Hotel, sagen halt auch, dass das für sie super ist so eine Band zu haben. Die natürlich im Ausland als deutsche englischsprachige Band immer einen schwereren Stand hat, als eine Band aus den USA oder Kanada, aber das ist halt reizvoll.
waldar: Ja, aber jetzt direkt zu sagen, eine englischsprachige Band aus Deutschland gleich schwer. Es gibt ja verschiedene Bands aus Deutschland, die auch in Europa und darüber hinaus erfolgreich sind wie 'The Robocop Kraus' oder 'Pale', die 'Donots' und die 'Beatsteaks'.
Jan: Ja, nee, das ist ja auch eine Sache, auf die wir Bock haben. Warum nicht? Ich würde mich drüber freuen, auch in England zu touren. Und das freut mich auch für Robocop Kraus, dass die jetzt noch weitergehen können und auch hier einen Status erreichen, wo es hier auch bestimmt Neider gibt. Und wenn das bei uns auch klappen könnte?
rino: Und wo wird die Platte dann veröffentlicht?
Jan: Meinst Du international?
Dennis: Also, da sind ein paar Sachen am laufen, aber es gibt da halt nichts spruchreifes, gar nichts. Da ist etwas im Gang, dass sich aufbaut und wir gucken auch, was für uns sinnvoll erscheint. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten von denen man aber mit einer gewissen Erfahrung weiß, dass es von vornherein nichts bringt. Genauso wie zu sagen, wir gehen in Frankreich 3 Wochen auf Tour, wenn uns da niemand kennt und wir da nicht einmal einen Vertrieb haben. Das ist so, wie man früher mit Punkbands durch die Gegend gefahren ist. Das macht zwar auch Spaß, aber du spielst jeden Abend vor 20 Leuten. Da hört es dann auf. Ich habe auch genug Ami-Bands gesehen, die sich nach einer Europa-Tour aufgelöst haben. Die ich gefahren hab, Italien oder irgendwas. Und die waren richtig pissed. Und irgendwann schnallt man das auch. Warum soll man im Ausland spielen, wenn die da einfach niemand kennt. Und du bist natürlich an Marktsachen gebunden, wenn du deine Familie davon ernähren willst.
Jan: Da ist natürlich die Idee, nicht alleine loszufahren. In einem Land, in dem die Platte noch nicht einmal raus ist.
waldar: Gibt es da irgendwen bei dem ihr sagen würdet, wenn wir könnten, dann würden wir gerne mit der oder der Band?Jan: Also, wenn wir im Ausland touren würden, dann natürlich nur als Support von einer größeren Band. Wie gesagt, unsere Platte ist da nicht erhältlich und uns bemerkbar zu machen würde einfach nur über diese Schiene laufen. Weiß ich nicht?
Dennis: Keine Ahnung. Es gab ja schon mal Angebote. Über bestimmte Kontakte die man hat. Da wurde dann eben solcher Quatsch angeboten wie... Wie hießen die noch mal? Diese ganz schlimme Band... 'JJ 72'! Und 'Nada Surf' gab es auch mal, als Angebot. Die zu supporten, fünf Tage lang, unangekündigt. Das kann manchmal gut sein, das kann auch schlecht sein. Ich hab mal Kettcar gefahren, da haben die Support für 'Bad Religion' gemacht. Die haben gespielt, während die Leute rein gelassen wurden. Das ist natürlich Müll, totaler Mist. Das war für mich interessant, weil man sieht, wie routiniert die sind und was das für ein Industriekomplex ist. So eine Band, das ist der Wahnsinn. Und das würden wir für uns echt abwägen. Aber da gibt es nicht so DIE Band, mit der wir touren wollen.
Wie gesagt, es gab da Angebote, bei denen wir aber gesagt haben, das wollen wir nicht.
waldar: Jan, was läuft jetzt eigentlich noch mit 'The Dance Inc.'?
Jan: Also, als nächstes werden wir ein paar Sachen in Hamburg spielen, dann werden wir ein paar neue Stücke machen. Da haben wir auch schon was. Wie gesagt, wir touren erstmal mit Marr und danach ist dann Zeit, sich der anderen Sache zu widmen. Und dann machen wir es wie mit Marr. Wir suchen uns vier Stücke aus und pressen dann eine CD/EP, die wir dann mit Pappcover erstmal versuchen werden, den Leuten unter zu jubeln.
rino: "Nimm mal, is geil!"
Jan: Ja, genau! (lacht und hustet gleichzeitig)
Und das wird dann auch über ein Label laufen, auf dem auch die 7inches... Ich kann gerade nicht mehr sprechen... 'Audiolith Records'. Und dann natürlich auch eine Platte aufnehmen und touren.
Wir sprechen jetzt noch kurz über die Bürgerschaftswahlen in Hamburg und fünf gleich große Haufen bzw. ein riesiger Haufen Scheiße, die zur Wahl stehen.
waldar: Ok, Dankeschön für Eure Zeit.
Dennis: Dank dir, viel Spaß draußen...
mehr infos:
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marr - express and take shape
the dance inc.
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grandhotel van cleef
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waldar - 29. Feb, 17:48
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