Freitag, 30. Januar 2004

interview: tigerbeat - 23.01.04 - köln - gebäude 9

"Du kannst Rock'n'Roll spielen ohne tätowiert zu sein oder dich jeden Abend mit Bier nach Hause zu verziehen!"



Tigerbeat kommen aus Hamburg. Tigerbeat sind anders als gängige Rock-Bands. Tigerbeat zeichnen sich wohl nicht durch Exzesse aus. Bei einem kleinen Abendessen vor ihrer Show als Hauptact vor den Whyte Seeds im Kölner Gebäude 9 wurden die Herren dann gesprächig.


waldar: Wie war denn bis jetzt eure Tour? Ihr seid jetzt den Januar über unterwegs und habt im Dezember eure Release-Party gespielt. Wie war denn die Tour von den Konzerten her?

Frehn: Sehr erfolgreich! Sehr erfolgreich für uns. Es war in einigen Städten so, dass wir das ?Ausverkauft?-Schild raushängen konnten. das war so in Berlin, Dresden und München. und der Rest war halt auch wirklich gut besucht. Und man merkt halt auch, dass jetzt im Radio ein bißchen was läuft, dass die Leute bei bestimmten Titeln extra anspringen.
waldar: Hat aber auf jeden Fall Spaß gemacht?
Frehn: Ja, ganz klar.
Sven: Es macht Spaß, aber es macht sich auch Zerrüttung breit.
waldar: Zerrüttung inwiefern?
Sven: Ja, es strengt an, tatsächlich. Es gibt Krankheiten, man versucht sich zu disziplinieren. Jeden Tag duschen, frische Sachen anziehen, gut essen, trinken, alles. Und dann stürzt man trotzdem mal hier oder da unerwartet ab.
Stefan: Unverschuldet.
Sven: Unverschuldet. Schläft dann doch zu wenig, dann ist man aufgeregt, hat Magenschmerzen. Aber es macht sehr viel Spaß.

waldar: Ende November kam ja Euer neues Album "13 Songs". Wo ist denn für Euch der große Unterschied zur "n°1"? Habt Ihr Euch persönlich stark weiterentwickelt?
Frehn: Also, das ist eine Frage die Du Dir natürlich auch selbst gut beantworten kannst...
waldar: Ja, ich kann mir die auf eine Art gut selbst beantworten, indem...
Frehn: Also, wir machen's ganz kurz, weil man könnte das so weit ausführen. Es ist natürlich so, dass die erste nur ein Abbild dessen war, was wir in den ersten Jahren ausprobiert haben und wo wir uns rummanövriert haben
Sven: Das Beste der Live-Setliste sozusagen...
Frehn: Genau. Und ausprobieren, was man überhaupt hinbekommt, Garagen-Sound sag ich jetzt einfach mal so. Und das war dann geschafft, damit sozusagen abgehakt. Und dann kann man halt gucken, wie man weiterkommt. Dann kann man es so ein bisschen fließen lassen. ich glaube, die erste war so ein bisschen gewollt, sollte so klingen. Und die zweite hatte keinen vorbestimmten Sound.
Sven: Es sollte eher so klingen wie das Konzert, wie man das am besten auf Platte bringen könnte.
Frehn: Was jetzt?
Sven: Die erste Platte
Daniel: Ein bisschen organischer. Das sollte auf jeden Fall auch ein Statement sein.
Frehn: Sehr direkt, genau!
Sven: Und bei der zweiten hat man sich dann ein bisschen zurückgenommen und laufen lassen.

waldar: Bei der ersten wart ihr auch noch zu dritt, sehe ich das richtig?
Frehn: Wir waren zu dritt....
Sven: Auch als wir die eigentlich aufgenommen haben.
Frehn: Aber während der Aufnahme kam dann die vierte dazu, Jutta, Keyboard. Hat dann auch noch Sachen mit eingespielt und dann hatten wir sie, sie ist schwanger geworden und dann ist Stefan dazugekommen und seitdem sind wir zu viert. Und die zweite Platte ist halt auch zu viert entstanden.
Sven: Daher auch der Unterschied...

waldar: Könnt ihr Euer Material auch dementsprechend besser live umsetzen?
Sven: Auf jeden fall. Okay, früher waren die Songs zu dritt geschrieben und jetzt eben zu viert, es gab eigentlich nie ein richtiges Problem.

waldar: Ihr habt ja Euer erstes Album auf Exile on Mainstream aus Berlin veröffentlicht. Wie kam denn der Wechsel zu Buback zustande?
Frehn: Das ist eigentlich ganz einfach erzählt. Wir hätten mit Andreas auch gerne weitergemacht, beide Seiten sagten okay. Aber wir waren an 'nem Punkt wo wir gemerkt haben, dass wir eine Produktion wie sie jetzt das erste Album erfordert hat, a: wie man den Sound hinkriegt und b: was man dafür bezahlen muss nicht mehr wollten und haben gemerkt, dass wir mit den Summen, mit denen wir bisher operiert haben nicht klarkommen. Das heißt, es muss ein Partner ins Boot, der sich da irgendwie mit reinhängt.
Das konnte Andreas nicht, wollte er auch nicht, weil er es in erster Linie halt doch nebenberuflich macht. Und so kam halt Buback ins Spiel. Die haben Demos gehört von den neuen Sachen und haben uns angesprochen. Und das war so perfekt, schöner hätte es für uns nicht sein können und so kam eins zum anderen.

waldar: Ist Buback für Euch eigentlich auch ein besserer Platz, von den Stilen her? Weil bei Buback schließlich viele unterschiedliche Bands veröffentlichen...
Sven: Absolut
Stefan: Ja, bestimmt.
Sven: Wir sind ganz große Fans von Buback, gerade weil da die Beginner sind, Fiva MC, die Goldenen Zitronen, super Bands....
Stefan: Alleine schon von der räumlichen Nähe. Es ist für uns wesentlich einfacher. Also wir wohnen alle fünf Minuten Fußweg von Buback entfernt
Frehn: Genau, die Künstler treffen sich da halt auch.
Stefan: Also, wenn uns irgendwas unter den Zehennägeln brennt, dann können wir da auch hingehen. Und das ist halt auch besser. Man hat da einen Ansprechpartner, mit dem man Auge zu Auge reden kann und wir sind da echt sehr glücklich.
Sven: Also, ich muss aber auch eine Lanze für Andreas Kohl brechen. Die erste Platte war da auch am richtigen Ort. Wir haben... Also, er hat so einen Stein ins Rollen gebracht und das war auf jeden Fall auch er! Also, das war für uns auch ganz wichtig!
Frehn: Also mit dem Debutalbum hatten wir auch echt eine Mörder-Presse, damals. Und er hat da auch echt super Sachen gemacht.

waldar: Ich habe Euch eigentlich auch nur so aus Zufall entdeckt, weil ich bei einem Festival über die n°1 gestolpert bin und mir dachte, wow, tolles artwork. Und ich konnte ja nicht wirklich reinhören. Aber als ich dann zuhause war und das Album anhörte dachte ich nur, "Was ist das denn?!" und war so erschrocken, weil ich eben auch vorher von Exile on Mainstream nie gehört hatte.
Daniel: Ja, eben auch nur ein sehr kleines Label.
Frehn: Ja, und er macht das auch wirklich nur so nebenbei, das ist nichts wo er jetzt groß was drauf anlegt, groß von leben zu können. und du hast ja einen bestimmten Produktionsstandard zu erfüllen und da fängst Du nicht an mit Summen um dich zu schmeißen von denen Du weißt, das schaffst Du alleine eh nicht. Da braucht man einfach jemand an der Seite und da sagte er, kann ich nicht. Das war auch so ein Auseinandergehen völlig im Guten, da gab's kein böses Blut. Es war halt einfach so, wir brauchen soviel, das kann ich euch nicht geben. dann mussten wir halt.

waldar: Ihr spielt ja auch Euren sehr eigenständigen Stil. Also, ich kenne jetzt keine andere Band die so spielt wie Ihr. Was aber ja auch nicht Sinn und Zweck von Musik sein sollte, Vergleichbarkeit zu schaffen?.
Frehn: Danke.
Sven: Das ist schön. Schönes Kompliment.

waldar: Wollt ihr euch damit auch so ein bisschen bewusst abgrenzen, so von dem, was da momentan an Musik veröffentlicht wird?
Daniel: Ich glaube jetzt nicht so wirklich. Ich meine, das hat genauso seine Berechtigung da zu sein wie alles andere. Wir sind halt sehr offen, hören querbeet. Also ich persönlich egal welchen Stil, Hauptsache es ist ein guter Song.
Stefan: Also ich glaube, Abgrenzen insofern, dass man nicht Teil sein will einer großen Welle, die so flasht und super aussieht und super durchgestyled ist, aber für die sich aber dann nach einem Jahr niemand mehr interessiert. Sondern wir wollten schon was machen, was ein bisschen mehr Substanz hat.
Sven: Also, das Ding ist einfach auch: Wir wollen Musik nicht als Lifestyle verstehen. Ich sag mal so: Viele Bands machen glaube ich den Fehler, dass sie die Musik als Lifestyle verstehen und das auch nach außen ausdrücken wollen. Das ist aber ein Fehler. der weg ist besser wenn man Musik macht um der Musik willen und es dann vielleicht von außerhalb zusammenpasst und verstanden wird. So, der Zirkel, unser Zirkel. Wir wollten den nicht so haben, also...
Frehn: Ja, es fing halt auch schon an, als wir losgezogen sind mit der ersten Platte und wir halt zum dritten Mal irgendwelche Garage-Clubs kommst. Wo Dir einfach dieser Rock'n'Roll-Lifestyle angedient wird, wo Du sagst,...
Sven: Das wäre zuwenig...
Frehn: ...kann ich gar nichts mit anfangen, hat mit mir nichts zu tun. Viele meinten halt man müsse in so ein Schema reinpassen, weil das macht man so!
Und wir haben halt schon immer gesagt: Warum? Das machen geht anders! Und ich glaube das ist auch die Essenz dessen, dass man versucht einen eigenen Weg der Dinge zu finden. Du kannst Rock'n'Roll spielen ohne tätowiert zu sein oder dich jeden Abend mit zwei Kästen Bier nach hause zu verziehen, sondern es geht ja. Und ich glaube das ist so der rote Faden, der sich durch so ziemlich alles durchzieht, was wir so machen.
Sven: und je mehr man sich freistrampelt, umso mehr definiert man für sich selbst einen eigenen Stil.
Stefan: Vor allen Dingen weiß ich gar nicht wo das herkommt, weil Rock'n'Roll am Anfang eigentlich wenig mit Bier zu tun hatte, genauso wie Punk übrigens auch, der eher aus der Straight-Edge-Bewegung kam. Also eher gegen berauschende Mittel...

waldar: Ich dachte, dass sei eher andersrum gewesen... von Punk zu Hardcore und von da aus Straight-Edge...
Stefan: Punk am Anfang war ja auch eher eine cleane Sache.
Sven: Naja...
Stefan: Die haben sich eben von den ganzen zugedröhnten Hippies absetzen wollen. Irgendwann ist es ja immer so dass dann eine Welle kommt von Nachzüglern, die dann komischerweise die Drogen in den Vordergrund stellen. Und das ist beim Rock'n'Roll ja auch eher spät gekommen. Ich glaube nicht, dass das in den 50er Jahren schon so ein Ding war.
Sven: Doch! Aber harte Drogen halt.
Frehn: Aber andererseits ist es doch so: Wir haben gerade vorgestern so 'ne Horde Hell's Angels an der Raststätte getroffen. Das war auch wieder so, da haben wir auch drüber nachgedacht. Eigentlich haben die alle "Freedom" und "Free to Ride" auf ihren Kutten stehen und im Grunde ordnet sich da jeder einzelne einer Hierarchie unter, die faschistoider gar nicht sein könnte. Das zum Thema Freiheit. Und ich glaube, das ist mit Rock'n'Roll irgendwie das gleiche. Die Musik war am Anfang sehr frei, man hat damit Tabus gebrochen. Das weiße Sänger geklungen haben - huuuhu - wie Schwarze. Und dass Leute dachten, die Elvis nie gesehen hatten, der müsse ein Schwarzer sein, weil so klingt ja kein Weißer! Und es brach mit Tabus, mit Musikstilen. Diese Freiheit: Wenn Du Dir anguckst was in den 60ern passiert ist, das zum Beispiel Bands wie "The Who" oder die "Stones" oder was weiß ich wieviele noch mehr versucht haben einen Wettkampf zu entwickeln, wer sich schneller musikalisch entwickelt. Statt immer nur genau das gleiche zu machen...
Daniel: Und heute ist es genau andersrum. Du musst Kriterien erfüllen, damit es funktioniert.
Sven: Ja, aber komischerweise kommt man jetzt wieder zu Buback zurück, denn: Die Goldenen Zitronen sind meiner Meinung nach die einzige Punk-Band, die machen genau das. Die provozieren immer, sind Punk, aber auf ihre Art und Weise. Und da kann keine andere Punk-Band gegen anstinken, die da so "rattadattadat..." macht
Daniel: Ja, weil das dann auch wieder nur zum Style verkommt.
Sven: Insofern sind wir auf jeden Fall da auch richtig gelandet.
Daniel: Wobei die Goldenen Zitronen ja auch wirklich ganz hübsch aussehen.
Stefan: Ja, auf ihre Weise!

waldar: Ihr habt ja mit den beiden Alben, der EP und dem Demo... Es war doch eine EP, oder?!
Frehn: Nee, es war 'ne Single, eine EP und so eine Kassette halt.

waldar: ...Habt Ihr ja auch schon mehrere Touren hinter Euch seit 1997. Mit "Man or Astroman?" zum Beispiel - die ich sehr schätze - oder mit den Sternen. Und ich habe gelesen, dass Ihr da immer angesprochen wurdet. Wie sind die Bands denn auf Euch aufmerksam geworden?
Frehn: Nicht die Bands direkt, sondern die Agenturen die überlegen, wen kann man nehmen, wen kann man vor eine Band wie beispielsweise die "Royal Trux", oder "Girls against Boys"...
Sven: ...Oder die "Noise Conspiracy"...
Frehn: ...wen kann man da nehmen, wo's passt, dass die sich a: menschlich verstehen und b: wo es einfach musikalisch Sinn macht. Und da waren wir auf weiter Flur einfach die einzigen, oft genug. So kam es halt.
Sven: Und wir sind auch so fleißige Bienchen. Also als Support waren wir auch immer sehr spießig und diszipliniert, haben immer sehr schnell auf- und abgebaut und das passte dann immer ganz gut weil wir so unkompliziert waren.
Daniel: Wir kommen auch aus Hamburg um hier im Gebäude 9 eine halbe Stunde vor "International Noise Conspiracy" zu spielen ohne großartig jetzt zu denken...
Sven: ...zu murren...
Daniel: ...Mensch, was für eine Ochsentour. Macht halt Spaß.

waldar: Ich wollte noch mal kurz auf das neue Album kommen. "Beat me 'til I understand" ist ja Eure aktuelle Single und da gibt es diese eine Zeile "...looks like this modern times too fast for me..." und in einem anderen Song, in "if for one time we don't fight" gibt?s die Zeile "...we're supposed to grow up, we're supposed to know, it just won't show...".
Also ich deute das für mich gegensätzlich. In dem einen der Konflikt mit der heutigen, schnelllebigen Zeit, das andere so, ich will noch nicht erwachsen werden.
Ist das jetzt nur für den Song selber, damit der Song funktioniert oder sollen das zwei unterschiedliche persönliche Aspekte darstellen?
Frehn: Nee, also das hängt vom Kontext ab. Also "beat me 'til I understand" ist tatsächlich so ein Stehenbleiben in einem rasenden Strom und sich umgucken, sich sagen: "was tue ich hier eigentlich?". Während "If for one time we don't fight" davon handelt, dass man in einer Beziehung steckt...
Sven: Privat, also.
Frehn: Ja, genau. Das eine ist sozusagen...
Sven: ...gesellschaftlich...
Frehn: ...Aggi-Prop, das andere ist Soul. Wenn Du es so willst...

waldar: Zu "looking good is everything": Seht Ihr das auch so? Aussehen zählt. Oder ist es für Euch mehr eine Art Satire?
Frehn: Das ist natürlich was für die hochgezogene Augenbraue, klar! Man spielt mit, es macht ja auch Spaß. Aber es verkommt leider oft zum Selbstzweck.
Und das thematisiert das Lied eben auch, dass viele Leute auch eben das über alles stellen und darüber hinaus ganz vieles vergessen. Das kannst Du im Grunde über dieses ganze Musik-Ding setzen. Dass da so ein Style über allem steht und es einfach wichtiger ist, wie man aussieht als wie es sich anfühlt.
Stefan: Wir wollten einfach 500 Leute "Looking good is everything" singen hören, weil subversiver kann man es glaube ich nicht mehr machen...
Daniel: Ob das heute Abend klappt hier in Köln...

waldar: Ja, vielleicht mit den ganzen Medienmenschen hier... äähm. Der Daniel (Holc aka Kat D.D.Rokk) von "Ascii Disco", ist der immer noch Euer Produzent?
Sven: Nicht Produzent, aber der Chefdesigner. Also er gehört ein bißchen zur Familie.

waldar: Und der hat auch einen Remix von Euch gemacht?
Frehn: Ja, der ist jetzt dabei. Es kommt eine Maxi raus auf Kompost, im Frühjahr hoffentlich, mit Remixen von ihm, Boris Dlugosch und Tommy Sunshine.
Wir haben noch nichts gehört, aber wir sind sehr gespannt.

waldar: Der ist ja auch auf Lado, auf Ladomat, wo auch "The Robocop Kraus" und "Von Spar" veröffentlichen. Habt Ihr da einen speziellen Draht zu denen, zur deutschen Musikszene?
Daniel: Ich finde, dass The Robocop Kraus das was sie machen echt gut machen und dass sie eine der interessantesten deutschen Bands sind. "Von Spar" habe ich jetzt ehrlicherweise noch nicht soviel von gehört.
Frehn: Super geil!
Sven: Von Spar habe ich live gesehen und das ist der Wahnsinn.
Frehn: Ganz groß. Ich hab sogar schon die EP gehört, weil eine Kollegin die schon hatte. Wahnsinn.
Sven: Finde ich auch gut. Aber es ist jetzt nicht so, dass man jetzt eine wahnsinnige Verbindung dazu hat. Also wir versuchen schon relativ eigenständig zu sein. Es war zum Beispiel so: Als wir Stefan als Keyboarder... Als es darum ging, wen sucht man sich als Keyboarder, oder so, da hätte man auch in Hamburg... Also in Hamburg kennt man einfach viele Musiker und wir hätten auch irgendwen schon bekannten ansprechen können, aber das finde ich total scheiße. Ich finde es viel besser seinen eigenen Mini-Zirkel zu schaffen.
waldar: Also, so war die Frage ja nicht gemeint. Also es ist nicht so, dass man, nur weil diese Bands existieren, man auch mit ihnen zusammenarbeiten muss.
Sondern...
Daniel: Ja, aber so ist es doch oftmals. Also, es gibt ja gewisse Kreise in Hamburg, wo man immer 5 Bands hat, wo jeder bei jedem spielt. Und das hat dann so was, das ist albern!
Sven: Und was ich so feststelle: ...

In diesem Moment kommt die Kellnerin und präsentiert die Rechnung fürs Abendessen. Tourmanager Thomas ist allerdings schon wieder zum Gebäude 9 und so muss erstmal telefoniert werden...

Sven: Okay, weiter. Ich glaube es ist so ein bißchen schwierig: wir kommen halt nicht aus so einem Punk-Background. Ich glaube in der deutschen Musikszene ist es immer wichtig, dass man sagt und auch bestätigen kann, dass man aus einem Punk-Background kommt. Und wir kommen das halt nicht unbedingt. Und das wird dann immer so ein bißchen komisch beäugt. Also, wir sind denen wohl zu rockistisch, oftmals. Und die denken dann schon mal: "Okay. Aber komische Vögel!". Aber ich hab kein Problem mit denen oder die mit mir.

waldar: Du warst ja jetzt auch kurz bei Hamburg gewesen, da wollte ich auch noch mal eben hin. Also, inhaltlich. Hamburg als Stadt, oder wenn man das so will auch als Lebensgefühl: War das wichtig für die Entstehung und Entwicklung von Tigerbeat oder wäre das auch woanders möglich gewesen?
Sven: Nee, so nicht. Absolut wichtig. Ganz wichtig als Stadt!
Frehn: Ja, kann man so stehen lassen! Du hast halt in keiner anderen Stadt soviel. Es ist halt sehr eng gestrickt, diese Szene.
Sven: Also nicht dass wir Lokalpatrioten wären. Aber es ist nun mal eine Realität!
Frehn: Es ist oft interessant. Ich glaube viele Bands sehen das so, dass sie Musik machen ohne weiterzudenken. Also dass man sagt: "Oh, das klingt wie dieunddie Band!" und plötzlich könnte es ja passieren, dass ich direkt vor der Band spielen soll weil ich Vorband machen könnte. Und dann stehst Du da und eigentlich ist es Dir unangenehm... Und in Hamburg ist es wirklich so, dass die Szene halt so eng ist, dass du permanent irgendwen triffst. Und wenn Du was veröffentlichst und irgendwie auch dinge passieren, du dann damit einfach rechnen musst, dass es reflektiert wird! Dann gehst du damit einfach früh anders mit um. Man diskutiert dann doch schon mal länger über was die Songs gehen, wie man an die Musik herangeht, was man ausdrücken will und das ist so eine ganz gesunde Angelegenheit, die einen auch schneller reifen lässt! Finde ich eigentlich ganz gut...
Sven: Ja, man muss sich wirklich sehr mit seinen Sachen auseinandersetzen. Was ich auch sehr gut finde an Hamburg gegenüber anderen großen Städten: Es ist schon sehr hanseatisch, sehr bieder und traditionsbewusst. Und durch dieses traditionsbewusste lässt man die Wurzeln auch mal tiefer schlagen als in anderen Städten, wo es nur darum geht eine Supernova zu sein, die mal kurz aufstrahlt. Irre hell ist, total flasht. Aber es hat weniger Inhalt, weniger Substanz.
Und ich bilde mir ein, dass Hamburger Bands - und wir inklusive - ein bißchen mehr Substanz haben und Tiefe und 'ne zweite Ebene. Mehr eine Kunstebene noch, trotz allen Rock'n'Roll's.

waldar: Ihr habt momentan bei Euch wieder Bürgerschaftswahlen. Euer Ex-Senator Schill macht jetzt mit dem Hoffmann (Pro-DM) zusammen mit...
Frehn: Ist 'ne Supersache, ne?! (lacht)
waldar: ...Wie seht Ihr denn die Chancen für die bzw. gibt es bei Euch auch eine Gegenkultur zu diesen unmöglichen Menschen?
Sven: Natürlich!
Frehn: Gibt es ganz klar und eindeutig! Das ist auch so ein typisches Hamburg-Ding. Es gab dann eine Woche lang "Die Regierung stürzen". Bands spielen gegen den (ehemaligen) Senat. Und da haben sich dann 2 Wochen lang Bands von Rang und Namen die Klinke in die Hand gegeben. Die Rote Flora wurde bespielt von Tocotronic und tausend Leuten, wir haben mit Kante zusammen gespielt. Und das war halt schon eine Idee, wo du gemerkt hast: So etwas kurzfristig auf die Beine zu stellen empfinde ich auch als sehr Hamburg-typisch.
Sven: Ja, ich glaube, die letzten Hochrechnungen sagen, dass da nichts mehr passieren wird. Wobei, man weiß es nicht. Und ich glaube auch, dass da auch der rechteste Wähler gemerkt hat, was der Schill für eine Person ist. Auch dadurch, dass er sich ja so grandios selbst demontiert hat.

waldar: Noch eine Frage. Könnt Ihr noch einen Ausblick auf das Jahr 2004 geben?
Frehn: Ja, jetzt erstmal noch touren bis Ende Januar.
Sven: Danach geht's dann im Februar in Deutschland weiter und gegen Mitte des Jahres auch ein paar Festivals. Soweit. Und vielleicht noch ein Album hinterher. (grinst)

waldar: Ja, dann danke ich mal für Eure Zeit. Viel Spaß bei der Show und mit den nächsten Leuten, die warten glaube ich schon da vorne?


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